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Hilfe von Uncle Sam

Nach der Anklage und dem Haftbefehl gegen den einstigen Konzernlenker Martin Winterkorn steigt jetzt auch der Druck auf Aufsichtsrat und Vorstand des VW-Mehrheitsaktionärs Porsche SE. Er muss jetzt Antworten liefern – und womöglich auf Schadensersatz gegen die Wolfsburger klagen.

Über den Spruch Volkswagen sei Nordkorea minus Arbeitslager ärgern sich Vorstände des größten Automobilbauers der Welt seit Jahren. Und doch liefert der Konzern immer wieder passende Indizien dafür. Zuletzt bei seiner Hauptversammlung am 3. Mai in Berlin. Die freien Aktionäre durften zwar Dampf ablassen, sie durften auch Fragen an Vorstand und Aufsichtsrat stellen. Zum Beispiel wie der durch Dieselgate, Affenversuche und andere zweifelhafte Machenschaften gebeutelte und ins Visier der Justiz zahlreicher Länder geratene Konzern endlich zu einem ordentlichen Unternehmen werden will. Doch mit hochentwickelter Aktionärsdemokratie hatte die Veranstaltung nicht viel gemeinsam, wie spätestens die Abstimmung über die Entlastung von Vorständen und Aufsichtsräten zeigte. Zwischen 89,93 Prozent und 99,23 Prozent Ja-Stimmen bekamen die Organmitglieder ihre Entlastungen – das erinnert in der Tat ein wenig an Nordkorea.

Gewiss, die Volkswagen AG ist in festen Händen: die von den Familien Porsche und Piech kontrollierte Porsche Automobil Holding SE (52,2 Prozent), das Land Niedersachsen (20 Prozent) und die Qatar Holding (17 Prozent) halten fast 90 Prozent der stimmberechtigten Anteile. Die meisten freien Aktionäre halten Vorzugsaktien. Sie dürfen nicht abstimmen, doch dafür bekommen Sie einen Dividendenaufschlag gegenüber den stimmberechtigten von – kein Witz – von unglaublichen sechs Cent pro Aktie und Jahr.

Kein Wunder, dass viele Redner ihren Frust rausließen. Als ein Kleinaktionär die zahlreichen Verfehlungen des Managements in die Nähe von Verbrechertum rückte, platzte Vorstandsmitglied Hiltrud Werner, zuständig für Recht und Integrität, der Kragen: „Die unverschämte Unterstellung, dass der Volkswagen-Konzern eine kriminelle Vereinigung sei, weisen wir ... entschieden zurück.“

Das war ein paar Stunden, bevor die Meldung über die Ticker lief, dass die US-Justiz den früheren VW-Lenker Martin Winterkorn wegen des Dieselbetrugs und in diesem Zusammenhang wegen Verschwörung angeklagt hat und nun per Haftbefehl sucht. Womöglich hätte Hiltrud Werner ihre Worte vorsichtiger formuliert, hätte sie bereits bei der HV vom Haftbefehl gegen Winterkorn und weitere VW-Manager gewusst.

Mit dem jüngsten Paukenschlag von Uncle Sam beginnt eine neue Runde in der Causa Volkswagen. Mehr noch: Die Offensive der US-Justiz könnte zum Game-Changer werden. Die Verteidigungslinie, mit der sich der Konzern gegen die Ansprüche von Diesel-Fahrern und freien Aktionären bisher wehrt, die Verfehlungen seien von untergeordneten Mitarbeitern begangen worden, Vorstände und Aufsichtsräte hätten davon nichts gewusst, bröckelt.

Auf einmal gibt der Konzern bekannt, dass er Schadensersatzansprüche gegen seinen Ex-Vorstandschef Winterkorn prüfe. Selbst die Politik gibt, notgedrungen, ihre Zurückhaltung auf: Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weill, dessen Bundesland zweitgrößter VW-Aktionär ist, hat erklärt, dass er dieses Verfahren ausdrücklich unterstütze.

Dass jetzt eine neue Phase der juristischen Aufarbeitung von Dieselgate & Co. startet, bekamen ein paar Tage nach der Volkswagen-HV die Aufsichtsräte und Vorstände von Audi zu spüren. Als Vorstandschef Rupert Stadler vor rund 1000 Aktionären beichten musste, dass erneut mehr als 60 000 Fahrzeuge wegen manipulierter Motorsteuerungen zurückgerufen werden mussten und dies als „einen gravierenden Arbeitsfehler auf Fachebene“ abtun wollte, hagelte es Kritik, zum Teil mit einer Portion Galgenhumor. „Herr Stadler“, scherzte ein Aktionär mit Verweis auf die Vereinbarung der amerikanischen Justiz mit VW-Chef Diess, „auch ich sichere Ihnen freies Geleit zu“.

Für Volkswagen, für amtierende und ehemalige Vorstände, für den Aufsichtsrat und nicht zuletzt für die Haupteigner-Familien Piech und Porsche baut sich ein regelrechter juristischer Tsunami auf. Denn für die Käufer manipulierter Fahrzeuge, vor allem aber auch für die geschädigten freien Aktionäre bei VW und Porsche stellen sich jetzt nicht nur neue Fragen, sondern womöglich auch Klagemöglichkeiten: Haben die VW-Aufsichtsräte womöglich Untreue begangen, weil sie keine verjährungsunterbrechenden Maßnahmen vorgenommen haben? Muss jetzt nicht auch die Porsche SE als Mehrheitsaktionär von VW und damit Hauptgeschädigter des Dieselskandals Schadenersatzansprüche gegen die Wolfsburger anmelden? Führt die unsägliche personelle Verquickung von Managern und Aufsichtsräten, die gleichzeitig Posten bei VW und Porsche begleiten, nicht zu Interessenkonflikten zu Lasten der freien (Vorzugs-)Aktionäre?

Bei der Hauptversammlung der Porsche SE erwarten die Aktionäre Antworten.

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Crashtest in der Porsche Arena
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as dürfen die freien Aktionäre von der Porsche SE erwarten? Nur ein paar Euro Dividende? Oder endlich auch handfeste Informationen über die zahllosen Skandale, die das Machtzentrum des größten Automobilkonzerns der Welt seit Jahren erschüttern? Bei der Hauptversammlung haben die Vorzugsaktionäre Ge

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Freispruch für Wiedeking und Härter
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Das Landgericht Stuttgart hat das Ex-Porsche-Führungsduo Wiedeking und Härter vom Vorwurf der Täuschung und Manipulation der Kapitalmärkte freigesprochen. Den Staatsanwälten bleibt die Revision.

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Verteidiger attackieren Staatsanwälte scharf
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Im Porsche-Prozess hat sich die Verteidigung mit ausführlichen Plädoyers positioniert. Die Forderung: Freispruch für Wiedeking und Härter. Der Vorwurf: Die Staatsanwaltschaft habe „Storytelling“ betrieben und sich verrechnet.

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Der Porsche-Strafprozess geht zu Ende: Von unsicheren Richtern und seligen Erinnerungslücken.

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„Ich kann mich nicht erinnern“
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