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Wie ein Euro-Austritt Griechenlands Europa träfe

Griechenland steht vor dem Austritt aus der Euro-Zone. Das halten zumindest Experten für wahrscheinlich. Die Folgen wären aber wohl beherrschbar – zumindest für Resteuropa.

Heute steuert das griechische Schulden- und Niedergangsdrama womöglich auf einen Crash zu: Vordergründig geht es auf der neuen Griechenland-Konferenz am Abend um ein mögliches Ende der Bailouts, also der Rettungsschirme für Griechenland, um eine von Griechenland geforderte Brückenfinanzierung fälliger Schulden und um die Ausgabe kurzfristiger Staatsanleihen. De facto geht es um Griechenlands Zukunft.

Am vergangenen Sonntag begann sich das Drama abzuzeichnen, nachdem Griechenlands neuer Premier Alexis Tsipras in seiner Rede vor dem Parlament in Athen sämtliche Forderungen nach Hilfe aus Europa aus dem Wahlkampf wiederholte - inklusive milliardenschwerer Reparationsforderungen an Deutschland; Griechenlands Regierungen machen das seit Jahrzehnten vergeblich.

Am Dienstag dann hat Griechenlands Verteidigungsminister Kammenos mit dem Hinweis nachgelegt, sein Land könne sich für weitere Hilfe auch an Russland oder China wenden, falls die EU nicht nachgebe. Die wiederum hatte in den vergangenen Tagen durch die nationalen Kabinettschefs und Finanzminister ihrer Mitglieder klargemacht: Es gibt keine neuen Überbrückungskredite für Griechenland, und die vereinbarten Reformen für die bislang geflossenen Hilfsgelder von 240 Milliarden Euro müsse Griechenland einhalten.

Tsipras geht jedoch davon aus, dass er in diesem Duell gewinnen wird. Brüssel und Berlin ebenso wie die anderen europäischen Geldgeber, so die Kalkulation des griechischen Premiers, scheuten die potenziellen Kosten, die ein Exit Griechenlands aus der Euro-Zone verursachen würde. Doch mit seiner gezielten Eskalation könnte sich Tsipras verrennen. Denn im Unterschied zum Finanzkrisenjahr 2009 dürften die Schockwellen, die ein „Grexit" auslösen würde, diesmal weder eine neue „Lehman-Pleite" auslösen, noch die Finanzmärkte in einen schweren Schock versetzen. Kollabierende Börsenkurse, massive Bailouts und eine große Rezession in Europa und den USA blieben daher wohl aus.

Experten rechnen mit dem „Grexit"

Zugegeben: Es gibt solche Befürchtungen, sogar unter ziemlich prominenten Zeitgenossen. Der Berkeley-Professor Barry Eichengreen etwa fürchtet bei einem Austritt Griechenlands aus dem Euro eine Kettenreaktion, weil seiner Ansicht nach ein Grexit heftige Spekulationen darüber auslösen würde, wer als nächstes der Gemeinschaftswährung den Rücken kehrt. Eichengreen zufolge droht daher kurzfristig sogar ein „Lehman im Quadrat."

Der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan sagt Griechenland unterdessen definitiv den Grexit vorher, weil er den politischen Willen in der Euro-Zone vermisst, den Griechen noch mehr Geld hinterher zu werfen.

Der Wirtschafts-Professor Jeffrey Frankel von der Harvard-Universität fürchtet, dass sich bei einem Grexit all jene Investoren, die in den vergangenen Monaten relativer Euro-Ruhe Wertpapiere in Europa gekauft haben, wie eine fliehende Büffelherde verabschieden würden. Und der britische Schatzkanzler George Osborne hat am Montag vorsorglich mit Experten des Finanzministeriums und der Bank of England konferiert, um Vorbereitungen für einen möglichen Grexit zu treffen.

Die Wahrscheinlichen Folgen eines Austritts

Tatsächlich würden neben den absehbaren Turbulenzen am Kapitalmarkt vor allem die Anleiherenditen steigen. Und eine verschärfte Deflation ließe allerorten die Schulden als Anteil am Bruttoinlandsprodukt in die Höhe schießen. Doch im Unterschied zu 2008 und 2009 gibt es in der Euro-Zone starke Faktoren, die stabilisierend wirken. So haben sich die meisten Banken kräftig rekapitalisiert, und sind durch den jüngsten Stresstest der Europäischen Zentralbank (EZB) gekommen. Inzwischen ist auch mit dem ESM ein permanenter Bailout-Fonds eingerichtet.

Zudem haben zwei der drei Länder, denen in der Krise ein Rettungsanker zugeworfen worden war, wieder ihr Rettungsprogramm verlassen. Selbst Griechenland hat – obwohl das Land wirtschaftlich und sozial ausgezehrt ist – zuletzt die Rezession überwunden. Irland ist der EU-Kommission zufolge inzwischen das am schnellsten wachsende Land der EU. Im laufenden Jahr werden 3,5 Prozent BIP-Zuwachs erwartet. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass Irlands Schulden mit 115 Prozent des Bruttoinlandsprodukts weiter zu den höchsten in der EU zählen.

Auch Portugal wächst nach drei Jahren im Bailout-Modus wieder. In diesem Jahr soll das BIP dem IWF zufolge um 1,2 Prozent wachsen. Und das angepeilte Defizit im Staatshaushalt soll 2015 bei 2,7 Prozent des BIP liegen, also unterhalb der 3-Prozent-Grenze der EU.

Die drückende Vertrauenskrise gegenüber den Banken hat seit 2009 ebenfalls nachgelassen. Die Kapitalvorschriften wurden deutlich verschärft. Die giftigen Griechenland-Anleihen sind aus den Depots entfernt worden und werden überwiegend bei der Europäischen Zentralbank gehalten. Die EZB ist damit zur „Bad Bank" Griechenlands geworden. Daraus erwachsen für europäische, vor allem deutsche Anleger und Steuerzahler Haftungsrisiken. Doch die sind bisher überschaubar.

Gipfeltreffen am Mittwoch

Ob die Fronten bei dem wichtigen Treffen der Griechen am Mittwoch in Brüssel mit den Finanzministern der Euro-Zone aufweichen, ist nach den jüngsten Meldungen fraglich. Viel Zeit bleibt den Griechen nicht, bevor sie kein Geld mehr haben. Aber woher sollte es kommen? Dass China und Russland bereitwillig Kredite geben würden, ist keineswegs ausgemachte Sache. Beide Länder würden sich wohl eher zu symbolischen Finanzhilfen bereit erklären. Nichts also, was Griechenlands Schulden-Drama in absehbarer Zeit wirklich lindern könnte.

Zu erwarten ist daher für das Treffen in Brüssel ein Kompromiss, bei dem die Euro-Zone den Griechen jedoch nicht sehr weit entgegenkäme. Am Dienstag war aus Brüssel und in US-Blogs zu hören, dass Tsipras um grünes Licht für acht Milliarden Euro durch neue Staatsanleihen werben und 1,9 Milliarden Euro jener Zinsen verlangen will, die Zentralbanken im Euro-Raum für griechische Anleihen kassiert haben. Falls es dazu eine Einigung gibt, würde sie den Griechen aber bestenfalls ein paar Wochen Zeit kaufen. Ob die dann reicht, um eine nachhaltige Lösung zu finden, ist zweifelhaft.

Die eigentliche Gefahr für die Euro-Zone erwächst der zu befürchtenden Wackelpartie, die den Kapitalmärkten andauernde Unsicherheit zumuten und die Renditen für Anleihen weiter nach oben treiben würde. Währenddessen leidet die Konjunktur in Europa unter dem schwachen weltwirtschaftlichen Umfeld. Dieses hat selbst die einigermaßen robusten Wachstumszahlen in den USA im Schlussquartal 2014 halbiert.

Ein erneuter Konjunktureinbruch in Westeuropa würde den Willen zum Kompromiss in Berlin und Brüssel strangulieren und die Griechen letztlich doch aus dem Euro drängen. Was dann kommt, wird ungemütlich, aber – nach Lage der Dinge – beherrschbar.