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Volkswagen: Nach dem Brexit nun der Pexit

Ferdinand Piech hat tatsächlich Ernst gemacht mit seinem Totalausstieg beim Wolfsburger Automobilkonzern. Wer aber glaubt, dass jetzt für die verbliebenen Aktionäre alles besser wird, wird sich wohl täuschen.

Das Schlagwort von der Disruption geht fast allen in der Wirtschaft leicht von den Lippen. Die einen, vorzugsweise wenn sie in der Berliner Gründerszene operieren oder besser noch: im Silicon Valley, sehen Disruption – also den radikalen Umbruch in einem als Markt, bei dem als Folge einer technischen Innovation alte Geschäftsmodelle zerstört werden - als große Chance. Die anderen, vorzugsweise in etablierten Unternehmen, fürchten vor allem das Risiko.

Nicht zu Unrecht. Die etablierte Medienbranche, die jahrzehntelang von zweistelligen Umsatzrenditen verwöhnt wurde, hat das Risiko der Disruption durch die Digitalisierung schon zu spüren bekommen. Seitdem geht in Banken, Versicherungen, im Handel und auch in der Industrie die Angst um, das nächste Opfer zu werden.

© istock / Friedemann Vogel

Einen ganz anderen Fall von disruptiver Veränderung erlebt derzeit die Automobilwirtschaft, genau: die Volkswagen AG. Der größte (wenn auch nicht profitabelste) Automobilkonzern der Welt und sein langjähriger Vorstandsvorsitzender und Aufsichtsratsvorsitzender Ferdinand K. Piech gehen getrennte Wege. Der VW-Veteran verkauft seine Anteile an der VW-Muttergesellschaft Porsche SE an die Porsches und die Piechs. Endlich, freuen sich die einen, allen voran die Großaktionäre und Mitglieder der Familie Porsche um ihren Clanchef Wolfgang Porsche, und die Politiker und ebenfalls Großaktionäre um den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil. Leider, grummeln die allerdings wenigen anderen, die im Verborgenen die Hoffnung hegten, Ferdinand Piech werde sich aus seinem Domizil in Salzburg doch noch mal Richtung Wolfsburg aufmachen, die VW-Zentrale kräftig aufmischen, aufräumen und so den Konzern aus seiner wohl schwersten Krise führen. Aber das will – oder kann - Piech derzeit offenbar nicht. „Streichen Sie derzeit“, würde FKP wohl sagen.

Nun kann man trefflich streiten, ob Ferdinand Piech tatsächlich Teil der Lösung hätte sein können, oder ober er nicht vielmehr Teil des Problems war, das dem Volkswagen-Konzern den Diesel-Skandal, den Übernahme-Skandal VW-Porsche, unzählige Rechtsstreitigkeiten, Anwaltskosten in dreistelliger Millionenhöhe und einen Ruf in der Öffentlichkeit eingebracht hat, den man getrost als nahezu ruiniert bezeichnen kann.

Ein Skandal, für den nicht zuletzt auch die verbliebenen Volkswagen-Aktionäre kräftig bluten müssen. Nur zur Erinnerung: Vor zwei Jahren, am 10. April 2015, notierte die VW-Aktie noch bei mehr als 250 Euro. Nachdem Diesel-Gate öffentlich und – den US-Behörden sei Dank - amtlich wurde, stürzte die Aktie ab. Heute dümpelt sie um die 130 Euro. Zusätzlich haben die Aktionäre auch noch bei der Dividende Diät üben müssen.

Ein Neuanfang, das lässt sogar die amtierende Spitzenmannschaft in Aufsichtsrat und Vorstand verlauten, ist unvermeidlich. Doch sind die Manager um Konzernlenker Matthias Müller (vorher schon jahrelang bei Porsche und im Konzern) und Oberaufseher Hans Dieter Pötsch (vorher jahrelang Finanzvorstand und damit in alle wichtigen und zahlenrelevanten Themen involviert) geeignet, einen Neuanfang zu starten?

Nicht nur internationale Investoren, jedem, der sich auch nur ein wenig mit den gängigen Prinzipien guter Unternehmensführung, neudeutsch: Corporate Governance, beschäftigt, kommen da große Zweifel. Wie soll man an einen Neuanfang glauben können, wenn

  • VW in den USA schriftlich zugegeben hat, mit der Abgas-Manipulation eine Straftat begangen zu haben, hierzulande aber die Auffassung verbreitet, man habe nicht betrogen?
  • die betrogenen amerikanischen Kunden großzügig entschädigt werden, die betroffenen deutschen und europäischen VW-Fahrer durch mühsame juristische Auseinandersetzungen zermürbt werden?
  • im neuen Aufsichtsrat kein einziges Mitglied den Unabhängigkeitskriterien der Regierungskommission Corporate Governance genügt?
  • die Aufklärung der Skandal-Wirtschaft unter Verschluss bleiben soll und nicht einmal die Aktionäre, immerhin die Miteigentümer, Einblick und volle Information über Täter und Verursacher bekommen? Und dann beantragt der Aufsichtsrat auch noch die vollständige Entlastung für Kontrolleure und Vorstände!

Die Liste ließe sich fortführen. Und wir werden Sie hier im aktionaersforum dazu weiter informieren.

Für einen echten Neuanfang bei Volkswagen müsste deutlich mehr passieren. Der Aktienrechtler Marcus Lutter, ohne Zweifel eine Koryphäe des deutschen Wirtschaftsrechts, hat unter anderem einen umfassenden personellen Neuanfang gefordert, in Aufsichtsrat und Vorstand. Andere plädieren gleich für eine Zerschlagung des Konzerns oder wenigstens den Rückzug des Staates, der Volkswagen gleich doppelt schützt: Durch den 20-Prozent-Anteil des Landes Niedersachsen und das VW-Gesetz.

Gewiss, mit Ferdinand Piech wäre ein echter Neuanfang wohl auch kaum möglich, ganz abgesehen davon, dass der Mann inzwischen die Altersgrenze überschritten hat. Aber er hat wenigstens Ahnung von Autos. Sein Gegenspieler und Cousin Wolfgang Porsche hat sicherlich auch eine gute Ausbildung (u.a. Waldorfschule) und verfügt angeblich über ein umfangreiches Repertoire an Witzen. Für den Umbau von VW in ein wenigstens halbwegs normales Unternehmen dürfte das aber kaum ausreichen.

Wie sehen Sie die Lage bei Volkswagen? Was muss sich ändern, damit man wieder in die Aktie einsteigen kann? Diskutieren Sie mit uns darüber im aktionaersforum.