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Volkswagen setzt auf Zeit

Volkswagen verschiebt Jahresabschluss und Hauptversammlung, um sich Zeit zu kaufen. Nutzen will VW sie mit Hilfe der Werbeagentur DDB, dem Staranwalt Kenneth Feinberg und ohne den Rat von Aktionären.

„Das Auto.“, das war gestern. Volkswagen wirbt im neuen Werbespot lieber mit dem Satz: „Es geht um mehr als ein Auto. Es geht um einen Partner fürs Leben.“

Nach dem „Dieselgate" der Wolfsburger ist die Fahrtroute damit klar. Nicht die Technik, sondern die Familie rückt in den Mittelpunkt, wofür dem Werbespot der Agentur DDB zufolge VW ja eigentlich auch schon immer stand.

Der Imagewandel allein dürfte auf Konsumentenseite bestenfalls ein wenig dazu beitragen, die Wogen zu glätten, nachdem Volkswagen im Zuge von Ermittlungen der US-Umweltbehörde EPA und der kalifornischen Umweltbehörde CARB im September eingeräumt hatte, weltweit in rund elf Millionen Dieseln eine Manipulationssoftware für Abgaswerte eingesetzt zu haben. Vor allem in den Vereinigten Staaten, wo knapp 600.000 Fahrzeuge betroffen sind, ist es mit einem neuen Werbespot wohl nicht getan.

© istock / edaldridge

Für jene US-Kunden, hat sich Volkswagen daher nun einen der prominentesten Anwälte der Vereinigten Staaten eingekauft: Kenneth Feinberg. Er soll den Entschädigungsfonds für amerikanische VW-Diesel-Fahrer einrichten. Wobei offen ist, wieviel Geld Feinberg und somit Volkswagen am Ende in die Hand nehmen müssen, um Dieselgate hinter sich zu lassen.

„Im Moment stehen noch alle Optionen zur Debatte: Geldzahlungen, Rückkäufe von Autos, Reparaturen, Bereitstellung von Ersatzfahrzeugen“, sagte Feinberg in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Ziel sei, mit mehr als 90 Prozent der Betroffenen eine Einigung zu erzielen.

Unklarheit in die Situation Volkswagens bringt auch der Umstand, dass die kalifornische Umweltbehörde CARB die Umrüstungs- und Rückrufpläne Volkswagen für die betroffenen Fahrzeuge Mitte Januar zunächst abgelehnt hat. Eine Einigung steht weiterhin aus. Die Kosten sind daher kaum zu kalkulieren.

Dies dürfte auch zu weiterer Unsicherheit unter den US-Kunden führen. Im Januar verkaufte Volkswagen in den Vereinigten Staaten im dritten Monat in Folge weniger Neuwagen. Der Absatz fiel auf 20.079, ein Rückgang um 14,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat - und das dritte Minus in Folge. Die Absätze waren im November um 24,7 Prozent und im Dezember um 9,1 Prozent geschrumpft.


Von dem Selbstvertrauen, das Konzernchef Müller noch Anfang Januar ausstrahlte, und das den Höhepunkt am 11. Januar in einem verkorksten Interview mit dem US-Radiosender NPR fand, ist nichts mehr zu spüren.

Im Gegenteil: Die jüngst vom Konzern verkündete Verschiebung von Jahresabschluss (10. März 2016) und Hauptversammlung (21. April 2016) auf vorerst unbestimmte Zeit, zeigt, dass Dieselgate längst noch nicht überwunden ist. Die finale Höhe der Rückstellungen - bislang 6,5 Milliarden - ist kaum zu kalkulieren. Die "Bild am Sonntag" mutmaßt gar, dass die Hauptversammlung frühestens Mitte Juni nachgeholt werden könnte.

© Porsche AG

Der Volkswagen-Führung dürfte es recht sein. Denn nicht unbegründet ist die Furcht der Konzernspitze um die Mehrheitseignerfamilien Porsche und Piëch, dass Aktionäre geradezu aufgefordert sein könnten, den Finger in die blutende Wunde zu drücken.

Zu diesen Aktionären gehört etwa der norwegische Staatsfonds. Fondschef Yngve Slyngstad hat in einem Interview mit der Frankfurter Sonntagszeitung schon angedeutet, worauf die Kritik hinauslaufen könnte.

Er verwies noch einmal auf die Eigentümerverhältnisse im Konzern, die er seit der Übernahmeschlacht zwischen VW und Porsche 2008 kritisiere. „Dieser Skandal hat deutlich gezeigt: Wir wurden als Minderheitsaktionäre benachteiligt“, sagte Slyngstad gegen über der FAS. Dass sich an der Situation etwas ändere, daran glaube er allerdings nicht. „Uns als Miteigentümer macht die Familie nicht den Eindruck, dass sie uns zuhören möchte.“

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