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ThyssenKrupp krempelt Industriegeschäft um

Der Ruhrgebietskonzern ThyssenKrupp denkt offenbar über Stellenstreichungen im Anlagenbau und Umstrukturierungen im Werftgeschäft nach. In der Stahlsparte zeichnet sich indes eine leichte Erholung ab.

Die Essener ThyssenKrupp AG plant offenbar einen Umbau ihres Geschäftsbereichs Industrial Solutions. So will der Konzern unter anderem Stellen im Großanlagenbau streichen. Den Arbeitsplatzabbau im Bereich Process Technologies bestätigte ein Sprecher des Konzerns der Nachrichtenagentur dpa am 9. Juni 2016. Zur Zahl der betroffenen Mitarbeiter wollte er allerdings keine Stellung nehmen.

© ThyssenKrupp AG

Im Geschäft mit der Planung und dem Bau von Großanlagen wie Kokereien, Chemie- und Zementanlagen beschäftigt ThyssenKrupp in Deutschland derzeit rund 2300 Mitarbeiter. Der Sitz der Sparte ist Dortmund. Hintergrund, so die dpa, sei eine schwierige Marktsituation sowie interne Gründe, die zu einer verschlechterten Wettbewerbsfähigkeit und Überkapazitäten geführt hätten.

Die Großanlagensparte gehört ebenso zum Konzernbereich Industrial Solutions wie die Sparte Marine Systems (TKMS), in der ThyssenKrupp das eigene Werftengeschäft rund um Marineschiff- und U-Boot-Bau gebündelt hat.

Und auch bei TKMS steht offenbar ein Wandel bevor. Zumal sich die Sparte erst im April bei der Ausschreibung für einen Großauftrag in Australien dem französischen Konkurrenten DCNS geschlagen geben musste. Es ging um den Bau von U-Booten im zweistelligen Milliardenwert.

Die Welt am Sonntag hatte nun aus einem internen Papier zitiert, das die TKMS-Geschäftsführung an Mitarbeiter verschickt hatte. Dort wird von „weitweichenden Auswirkungen auf das Unternehmen und großen Herausforderungen in den nächsten Jahren“ gesprochen. Bereits in wenigen Monaten würden demnach die Werften in Kiel, Hamburg und Emden in ein Auslastungstief fallen.

© ThyssenKrupp AG

ThyssenKrupp prüfe nun, ob die Werftensparte strukturell richtig aufgestellt sei, zitierte der Nachrichtenagentur dpa daraufhin auf Anfrage einen Sprecher des Konzerns. „Hierzu gibt es erste Überlegungen, die sich noch in einem frühen Stadium befinden.“

Offenbar ist die Umstrukturierung des Konzernbereichs auch personell längst im Gange. So gab ThyssenKrupp Anfang Juni bekannt, dass die zwei Bereichsvorstände Jörg Schönewolf (54), CFO, und Martin Hilbig (60), Personalvorstand und Arbeitsdirektor, ihre Mandate zum 31. Mai 2016 „aus persönlichen Gründen“ niedergelegt hätten.

Neuer CFO von Industrial Solutions wird Stefan Gesing (38), bislang Leiter des Bereichs Controlling, Accounting & Risk in der Konzernzentrale von ThyssenKrupp. Über einen neuen Personalchef ist noch nicht entschieden.


Etwas Auftrieb scheint ThyssenKrupp dagegen in jener Unternehmenssparte zu spüren, die dem Industriekonzern in der ersten Jahreshälfte 2016 eigentlich die größten Schwierigkeiten bereitet hat: In der europäischen Stahlsparte von ThyssenKrupp sackte der Gewinn in diesem Zeitraum um 40 Prozent auf 115 Millionen Euro, die brasilianischen Werke des Unternehmens standen sogar deutlich in den Miesen.

Noch im September 2015 musste ThyssenKrupp deshalb seine Gewinnprognose für das Geschäftsjahr 2015/2016 senken.

Es war die Zeit, in der Kooperationen oder gar der Verkauf des Stahlgeschäfts in die Schlagzeilen geriet – die Keimzelle des Industrieriesen. „ThyssenKrupp ohne Stahl ist wie ein Wohnzimmer ohne Sofa“, sagte Wilhelm Segerath dazu, der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats. Er kann jetzt vielleicht etwas aufatmen, denn ThyssenKrupp scheint im Stahlgeschäft Entlastung zu spüren: Die Orders ziehen leicht an.

Nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl legte die Stahlproduktion hierzulande tatsächlich erstmals seit einem halben Jahr wieder zu. Die deutschen Hütten hätten zusammen knapp 3,9 Millionen Tonnen Rohstahl erzeugt, wie der Branchenverband am 9. Juni 2016 mitteilte. Das waren nicht nur 4 Prozent mehr als im Mai 2015. Es war vielleicht auch eine Trendwende: Sechs Monate lang sank die Produktion zuvor.

Ob die Stahlsparte des Essener Konzerns deshalb allerdings gleich wieder Tritt fasst, bezweifeln Beobachter. Zu stark sei der Wettbewerb weiterhin im Stahlgeschäft, Überkapazitäten drückten auf die Preise. Und China exportiert nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl hohe Mengen unter den eigenen Produktionskosten nach Europa – nicht nur zum Schaden von ThyssenKrupp.

ArcelorMittal Hamburg beispielsweise hat im Jahr 2015 einen Umsatzrückgang von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnet. „Das ist auf die wachsende Konkurrenz aus China zurückzuführen“, sagte Lutz Bandusch, Geschäftsführer von AM Hamburg, dem Abendblatt am 6. Juni 2016.

Mittlerweile hat die Europäische Union erste Strafzölle auf chinesische Stahlprodukte erlassen. Das dürfte ein Grund dafür sein, warum sich der Stahlpreis langsam erholt, sagte Salzgitter-Konzernchef Heinz Jörg Fuhrmann im Juni 2016.

Er wandte sich zugleich gegen eine Fusion des zweitgrößten deutschen Stahlkonzerns mit ThyssenKrupp, um die Krise womöglich gemeinsam schneller zu überwinden. „Fusionen sind nun wirklich kein taugliches Instrument, um etwa subventionierten chinesischen Dumpingimporten begegnen zu können“, sagte Fuhrmann am 8. Juni 2016 auf der Hauptversammlung des Unternehmens in Salzgitter.

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