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Telekom stockt Osteuropa-Beteiligungen auf

Der Magenta-Konzern will an Europas Spitze. Ob das gelingt? Die Telekom hat einen neuen und mächtigen Gegner in Europa. Aktionäre sind in Sorge.

Die Deutsche Telekom will kräftig wachsen. Wieder mal, werden viele Anleger sagen. Und infolge der neuerlichen Ankündigung des Magenta-Managements darauf eher mit Unruhe reagieren – und auf den Kurs ihrer Aktien schauen, der sich seit Anfang vergangenen Jahres doch so achtbar entwickelt hat:

Ein Plus von fast 50 Prozent steht bis heute zu Buche, der Frankfurter Aktienleitindex Dax schloss dagegen im gleichen Zeitraum satte 24 Prozentpunkte schlechter ab.

Dennoch will die Telekom offenbar wieder angreifen – und mit einem ambitionierten Anlauf „zum führenden Telekom-Unternehmen Europas“ werden, wie Konzernchef Tim Höttges bei seinem Amtsantritt angekündigt hatte. Das nötige Geld für Europa könnte sein Mann für das Geschäft außerhalb Europas heranschaffen.

John Legere, Chef von T-Mobile USA, treibt gerade mit unkonventioneller PR und Öffentlichkeitsarbeit gezielt den Preis von T-Mobile nach oben, zur Freude der Deutschen Telekom. Im ersten Quartal gewann das Unternehmen satte 1,3 Millionen Kunden dazu. Das waren mehr, als die gesamte US-Konkurrenz anlocken konnte.

„Die Erfolgsstory in den USA geht weiter. Es war die goldrichtige Entscheidung, mutig in diesen Markt zu investieren“, jubelte Telekom-Chef Tim Höttges dann auch vor wenigen Tagen. Vielleicht vor allem aus Vorfreude.

Es wird erwartet, dass die Nummer drei am Markt, Sprint, das sich im Besitz von Japans Softbank befindet, in Kürze ein Übernahmeangebot für T-Mobile abgeben wird. Insider sagen, Softbank-Chef Masayoshi Son dürfte im Juni oder Juli offiziell ein formales Angebot für T-Mobile USA präsentieren. Und das wäre dann der Milliarden-Check für den neuen Angriff der Deutschen Telekom in Europa.

„Immer wieder wird darüber spekuliert, ob und wie weit die Telekom beispielsweise versuchen wird, ihr ohnehin starkes Geschäft in Osteuropa auszubauen“, sagt Telekom-Experte Steven Liu von Standard Charteret.

Tatsächlich ist der Bonner Konzern in nahezu allen größeren Märkten Osteuropas vertreten, vielfach allerdings hält die Telekom nur einen Teil der jeweiligen Aktienpakete – beispielsweise in Kroatien, Rumänien oder der Slowakei. Genau das kann sich bald ändern.

„Mit Milliarden aus dem Verkauf von T-Mobile USA hätte die Telekom auf jeden Fall die Mittel, um dort zur bestimmenden Kraft zu werden – sollte sie die restlichen Aktien ihrer Osteuropa-Beteiligungen auch angeboten bekommen“, sagt Liu.


Erster Ausbaupunkt könnte die Beteiligung der Deutschen Telekom an dem führenden griechischen Telekommunikationsunternehmen OTE werden; 40 Prozent der Anteile haben sich die Bonner bereits vor Jahren gesichert, für die übrigen 10 Prozent in Griechenlands Staatsbesitz haben sie ein Vorkaufsrecht.

Nach jahrelangen Verschleppungen des griechischen Privatisierungsprozesses scheint der nun auf Druck der EU-Geldgeber auch nicht mehr länger hinauszögerbar zu sein. „Es kommt jetzt Bewegung in die Sache, insbesondere Infrastrukturunternehmen könnten bald neue Eigentümer außerhalb Griechenlands finden“, sagt ein Frankfurter Transaktionsspezialist.

Billig war der Griechenland-Zukauf allerdings nicht für die Telekom. 4,2 Milliarden Euro hat die Telekom einst für ihren OTE-Anteil bezahlt, 2,6 Milliarden Euro hatte sie zwischenzeitlich davon abgeschrieben. Vor drei Wochen trennte sich OTE nun von seiner eigenen Beteiligung Globul in Bulgarien, um den Erlös daraus zur Schuldentilgung zu nutzen – offenbar mit dem Segen des Magenta-Konzerns.

Es war nicht die einzige Transaktion in den vergangenen Monaten.

Im März hatten die Bonner auch Vollzug für den Kauf des osteuropäischen Telekommunikationsanbieter GTS Central Europe mit Hauptsitz im polnischen Warschau gemeldet; die Bonner legten dafür nach eigenen Angaben 546 Millionen Euro auf den Tisch. Schon Anfang Februar hatten die Deutschen ihren Anteil an der tschechischen Telekom-Tochter für 800 Millionen Euro auf 100 Prozent aufgestockt.

Zudem „spielt die Deutsche Telekom offenbar mit dem Gedanken, Telekom Slovenije zu kaufen“, sagt Deutsche-Asset-&-Wealth-Experte Nicolai Tietze. Damit hat der Bonner Konzern schon jetzt mehr Mobilfunkkunden im europäischen Ausland als in Deutschland. Offenbar nicht genug.

Lange Zeit hatte die Telekom mit ihrem Partner Orange, die frühere France Télécom, darum gerungen, was aus der gemeinsamen Firma in Großbritannien werden sollte. Everything Everywhere (EE) heißt sie, und ist immerhin Marktführer auf der Insel.

Zwischenzeitlich schien der Börsengang des Gemeinschaftsunternehmens beschlossene Sache zu sein, jetzt aber hört sich das Ganze nicht mehr so klar an: Der Verkauf eines gehörigen Aktienpakets an EE an der Börse sei zwar „nicht für immer abgesagt“, sagte Telekom-Vorstand Nemat der Börsen-Zeitung. EE schlage sich aber gut.

Mit anderen Worten: Zumindest kurzfristig wird es diesen Börsengang nicht geben, die Deutsche Telekom braucht das Geld daraus offenbar nicht mehr so dringend. Auch das kann ein Zeichen dafür sein, dass der größte deutsche Telefonkonzern derzeit eher auf Wachstum als auf Rückzug aus Märkten gepolt ist.


Kampflos allerdings werden die Konkurrenten der Deutschen Telekom das Feld nicht überlassen. Und ein neues Schwergewicht droht sich der Telekom gerade in den Weg zu stellen.

Niemand geringeres als der reichste Mann der Welt, der mexikanische Milliardär Carlos Slim, hat sich gerade in Europa eingemischt und in Österreich eingekauft, und das prominent: Der 74-Jährige hat sich mit der Telekom Austria gleich Österreichs führendes Festnetz- und Mobilfunkunternehmen geschnappt.

Künftig regiert Slims Firma America Movil das eigene Europageschäft aus Wien – und der Blick geht wie bei der Deutschen Telekom offenbar weiter nach Osteuropa: Übernahmen in Zentral- und Osteuropa sollen nach Möglichkeit folgen.

Schon jetzt hat die neue Slim-Beteiligung Telekom Austria selbst Geschäfte in Bulgarien, Kroatien, Mazedonien, Serbien, Slowenien bis nach Weißrussland. Also in etwa dort, wo die Deutsche Telekom ohnehin stark im Geschäft ist – und gegebenenfalls weiter zulegen möchte.

Dass die Bonner Telekom nicht schon jetzt und noch direkter die Konkurrenz von America Movil spürt, liegt an einem kleinen Rückschlag für Carlos Slim. Vor Monaten schon wollte er den niederländischen Telekommunikationskonzern KPN kaufen, der Plan scheiterte allerdings. Es blieb bei einer kleineren Beteiligung.

Dennoch: Die Offerte war vielleicht der einprägsame Startschuss für die nächste große Konsolidierungswelle in der Branche in Europa – und mittendrin: die Deutsche Telekom.


In Frankreich hat der französische Kabelbetreiber Numericable die Vivendi-Tochter SFR geschluckt. Vodafone übernahm kürzlich Spaniens größten Kabelkonzern des Landes, Ono, für 7,2 Milliarden Euro. Und Hutchison Whampoa möchte gern Telefonicas Ableger O2 in Irland kaufen.

Überhaupt, die Telefonica: Die Spanier versuchen zeitgleich, ihren deutschen O2-Ableger zur Nummer eins im deutschen Mobilfunkmarkt zu machen – durch die Übernahme der Düsseldorfer E-Plus. Nimmt man die reine Kundenzahl zum Maßstab, und nicht etwa den Umsatz, würde aus diesem Zusammenschluss tatsächlich ein neuer Mobilfunkprimus in Deutschland entstehen. Wenn er denn in dieser Form zustande kommt

Insbesondere die deutschen Wettbewerbshüter würden das Geschäft am liebsten komplett verweigern. Wenn Telefonica überhaupt zum Zuge komme, dann müsste sie, so hat die deutsche Monopolkommission in dieser Woche erneut zu Protokoll gegeben, quasi im Gegenzug gleich den Großteil des jetzigen E-Plus-Geschäfts gleich weiterverkauft werden.

Allerdings treffen nicht die deutschen Wettbewerbshüter bei diesem Geschäft die Entscheidung, sondern die EU-Kommission. Und die EU-Behörden könnten anders urteilen, obwohl auch sie Preissteigerungen für Deutschlands Verbraucher von mehr als 30 Prozent durch das Telefonica-Geschäft hierzulande für möglich halten.

Einen würde dieser Preisschub vielleicht gar nicht stören: Telekom-Chef Tim Höttges. Nicht nur, dass seine Telekom künftig tendenziell auch davon profitieren dürfte, wenn hierzulande, also auf Europas größtem Markt, der Preiswettbewerb sinkt.

Die laxere Übernahmekontrolle aus Brüssel könnte der Telekom auch entgegenkommen, wenn sie selbst irgendwo in Europa zukaufen möchte. Entsprechend lautet seine Botschaft an Brüssel: Die Regulierer sollten nicht „mehr auf winzige Teilmärkte schauen mit bisweilen nur zwei, drei Millionen Kunden“, sagte Höttges dem Handelsblatt erst vor wenigen Tagen.

Aktionäre der Telekom, die neuerlichen Wachstumsversuchen kritisch gegenüber stehen, werden künftig wohl noch genauer auf die Entscheidungen der europäischen Wettbewerbsbehörden schauen müssen.

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