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Start-ups kämpfen mit zurückhaltenden Investoren

Der Börsenneuling Windeln.de notiert Ende Mai 2015 weit unter seinem Ausgabepreis. Der Kursverlust überrascht nicht. Anleger wollen auch bei Start-ups Gewinne sehen, bevor sie zugreifen.

Der Börsenstart des Onlinehändler Windeln.de ist bisher keine Erfolgsgeschichte. Im Gegenteil. Der Kurs der Aktie notierte am 25. Mai 2015 fast 22 Prozent unter dem Ausgabepreis von 18,50 Euro am 6.Mai 2015. Und selbst mit diesem Minus ist die Aktien vergleichsweise teuer, wie ein Vergleich zeigt.

Die Börsianer bewerten den Umsatz bei Windeln.de trotz des Kursrückgangs beispielsweise immer noch höher als beim Modehändler Zalando. Dieser war im September 2014 an die Börse gegangen, hat aber im April 2015 die Analysten und Aktionäre mit einem Umsatz- und Gewinnsprung im ersten Quartal 2015 überrascht:

Zalando konnte seinen Umsatz auf Basis vorläufiger Daten im Zeitraum Januar bis März 2015 um fast 29 Prozent steigern. Mit einem bereinigten Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von rund 29 Millionen Euro war Europas größter Online-Modehändler sogar erstmals profitabel. Prompt hat Zalando seine Gewinnprognose für 2015 angehoben.

© fotolia / es0lex

Ganz anders das Bild bei Windeln.de.

Der Onlinehändler hat den Sprung in die Gewinnzone noch nicht geschafft. Das Münchener Start-up, das vor allem Windeln, Babynahrung, Kinderkleidung und Spielzeuge verkauft, präsentierte vor Pfingsten 2015 seine Bilanz für das erste Quartal 2015. Diese belegte zwar ein deutliches Umsatzwachstum und eine starke Margenverbesserung. Doch mit einem bereinigten Ebit zwischen Minus 1,5 Millionen und Minus 1,2 Millionen Euro verdient das Unternehmen immer noch kein Geld. Im Gegenteil.

Windeln.de musste im vergangenen Geschäftsjahr bei 100 Millionen Euro Umsatz einen Verlust von knapp zehn Millionen Euro verkraften. Im laufenden Jahr 2015 soll der Umsatz um 40 Prozent steigen. Neben China wird vor allem auch hierzulande Wachstum erwartet, weil in Deutschland erst eines von jeweils fünf Kinderprodukten über das Internet verkauft wird.

Das Geschäft über die Webseite sei bereits profitabel, erklärte Firmengründer Alexander Brand in einem Gespräch mit der „Gründerszene.“ Demnach verzeichnen der Schweizerische Ableger und der eigene Shopping-Club „Windelbar“ noch Verluste. Doch bei seiner bisher größten Finanzierungsrunde im Januar 2015 erhielt Windeln.de 45 Millionen Euro, um sein Produktportfolio zu erweitern und im Ausland zu wachsen. Das Kapital kam von einem Konsortium, dem Goldman Sachs und die vor etwas mehr als einem Jahr eingestiegene Deutsche Bank angehören.


Damit kann das fünf Jahre alte Internet-Unternehmen zumindest für sich in Anspruch nehmen, dass es auf dem richtigen Weg ist: Anhaltendes Vertrauen der Finanz- und Wagnisinvestoren, starke Umsatzzuwächse und Profitabilität im Kerngeschäft. Aber Versprechen und Aussichten auf Gewinne allein reichen den Investoren und Anlegern derzeit nicht. Das zeigen auch die Kursverluste bei Rocket Internet.

© Zalando

Die Start-up-Schmiede der Samwer-Brüder in Berlin beendete ihren ersten Handelstag im Oktober 2014 mit einem Kursverlust von 13 Prozent verglichen mit Ausgabepreis. Das war kein Ausrutscher: Der Aktienkurs ist nach einem zwischenzeitlichen Höhenflug im Februar auf über 57 Euro bis Pfingsten 2015 wieder auf 42,55 Euro zurück gefallen. Der Grund: Beobachter vermissen bei dem Inkubator eine langfristig überzeugende Strategie. Dennoch plant Rocket Internet zwei weitere Börsengänge.

Noch im Laufe des Jahres 2015, spätestens aber 2016, sollen die im April gegründete Global Fashion Group und die Global Online Takeaway Group an die Börse gehen, der Anteile an Delivery Hero und der in Fernost starken Foodpanda gehören.


Dass Windeln.de derzeit Probleme mit zurückhaltenden Investoren hat ist kein Einzelfall. Nicht mal eine Sonderbewegung an der Börse in Frankfurt am Main. Die Zurückhaltung der Börsianer gegenüber den Neulingen auf der Kurstafel ist auch in den USA zu spüren. Sie setzt sogar früher ein, schon vor den Börsengängen selbst.

Nach einem Rekord, der 2014 laut der Researchfirma Renaissance Capital zum aktivsten IPO-Jahr an der Wall Street in 15 Jahren machte, wird seit Januar ein drastischer Rückgang verzeichnet. Kamen im Vorjahr noch 275 neue Firmen an die Börse, so waren es im ersten Quartal dieses Jahres 2015 nur noch 34.

Es war das schwächste Vierteljahr seit dem Auftaktquartal 2013.

Als die beiden wichtigsten Gründe nennt Renaissance Capital die wachsende Volatilität an den Kapitalmärkten sowie die üppigen Finanzierungsrunden für Start-ups, die vor ihrem IPO von Hedgefonds, Banken und anderen institutionellen Investoren mit viel Kapital versorgt werden. Das trägt zu Bewertungen bei, die sich an der Börse in dem verunsicherten Umfeld nicht so leicht aufrechterhalten lassen. Zwei aktuelle Beispiele verdeutlichen das.

Das eine ist der Online-Markt Etsy. Das Unternehmen landete im vergangenen Jahr 2014 auf dem dritten Rang der „Disruptor List“ mit den vielversprechendsten Startups beim US-Wirtschaftssender CNBC. Doch der Ausgabepreis beim IPO am 16. April 2015 lag unter dem Wert, den Kapitalgeber dem Unternehmen in einer Finanzierungsrunde vor dem Börsengang beigemessen hatten. Am ersten Handelstag schoss der Aktienkurs zwar 86 Prozent nach oben. Doch Mitte Mai 2015 lag er schon wieder 23 Prozent unter dem Ausgabepreis vom 16.April 2015.

Das zweite Beispiel ist Box, ein Start-up, das Datenspeicherung in der Wolke anbietet. Der Aktienkurs von Box schoss beim IPO am 23. Januar 2015 um 68 Prozent in die Höhe, hat aber bis Ende Mai 2015 knapp 30 Prozent verloren.

„Es gibt eine weite Kluft zwischen Geld verlieren und die Gewinnschwelle erreichen.“
Francis Gaskins, Präsident IPO Desktop Premium

Die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Unternehmen beschränken sich allerdings nicht auf die Entwicklung des Aktienkurses: Sowohl Etsy als auch Box können bislang keine Gewinne nachweisen. Und genau das stört die Anleger im derzeit ausklingenden Mai 2015.

„Es gibt eine weite Kluft zwischen Geld verlieren und die Gewinnschwelle erreichen, und die Investoren sind nicht bereit, über diese Kluft hinweg zu sehen“, kommentiert Francis Gaskins, der Präsident des Analyse-Unternehmens IPO Desktop Premium. Weitere Zahlen bestätigen diese Einschätzung.


Im ersten Quartal 2015 kamen laut VentureSource nur noch zwölf Start-ups an die an der Wall-Street-Börse, die Finanzinvestoren hinter sich hatten. Zum Vergleich: Im Schlussquartal 2014 waren es noch fast doppelt so viele. Und diejenigen, die es an die Börse geschafft haben, müssen nach den hohen Bewertungen, die zu einem guten Teil das Ergebnis üppiger Finanzierungsrunden sind, erst einmal die Aktionäre überzeugen - das fällt den meisten schwer.

© NYSE/ Lending Club

Etsy beispielsweise hat im Jahr 2014 bei umgerechnet 180 Millionen Euro Umsatz einen Verlust von 12,5 Millionen Euro gemacht. „Diese schnell wachsenden, aber unprofitablen Unternehmen sind nicht alle Amazon und an den Börsen hat man nicht mehr so viel Geduld, besonders solange noch Verluste erwirtschaftet werden“, sagt der Analyst Michael Dempsey beim Research-Unternehmen CB Insights.

Lending Club ist ein weiteres Beispiel. Der weltweit größte Online-Marktplatz für Konsumentenkredite sammelte bei seinem Börsendebüt im Dezember umgerechnet 725 Millionen Euro ein. Der Aktienkurs kletterte steil, bis das Start-up-Unternehmen 7,5 Milliarden Euro wert war. Seitdem brach der Aktienkurs um 30 Prozent ein - die Bilanzzahlen für das Schlussquartal 2014 waren enttäuschend, und die Prognose für das laufende Jahr 2015 fiel niedriger aus als von Analysten erwartet.

Dass die Geschäftsentwicklungen von Start-ups derzeit nur wenige Börseninvestoren überzeugt mag auch damit zusammenhängen, das manch aussichtsreiche Unternehmensgründung gar nicht mehr den Weg an die Börse findet: Einige vielversprechende Start-ups schaffen es gar nicht bis zu einer erfolgreichen Karriere an der Börse. Sie werden vorher von großen Unternehmen gekauft. Und unter diesen Newcomern scheinen einige zu sein, die vom Start weg profitabel waren.

Yahoo beispielsweise schnappte sich im November 2014 für 530 Millionen Euro Brightroll, ein Unternehmen, das sich auf die Automatisierung des Verkaufs von Video-Anzeigen spezialisiert hat. Yahoo will mit dem Zukauf größte Anzeigenplattform für Videos in den USA werden.

Ein weiteres Beispiel: Der Internet-Gigant Google verleibte sich im Juni 2014 für 420 Millionen Euro SkyBox Imaging ein. Das Unternehmen hatte zuvor den kleinsten Satelliten für hochauflösende Bilder gebaut und in Umlauf gebracht.

Wann Windeln.de die Gewinnschwelle erreicht, bleibt für Anleger abzuwarten.