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Siemens droht der Förderinfarkt

Kaum stemmt Siemens einen der größten Firmenzukäufe seiner Geschichte, da purzeln plötzlich die Aussichten für die übernommene US-Firma Dresser-Rand. Der Fracking-Spezialist gerät unter Ölpreisdruck. Und Siemens mit.

Im September hat Siemens für einen Donnerhall in der Energiebranche gesorgt. Europas größter Engineering-Konzern verkündete die Übernahme von Dresser-Rand, eines der US-Spezialisten für Kompressoren und Gasturbinen für Ölförderfirmen.

Vielen Analysten schien der Kaufpreis von 7,6 Milliarden Dollar hoch bemessen zu sein. Kritisiert wurde unter anderem späte Einstieg spät im Fracking-Zyklus. „Der Preis ist sicherlich kein Schnäppchen", sagte selbst Siemens-Chef Joe Kaeser. Er verwies von Anfang an jedoch auf die langfristig positiven Effekte, die er sich von diesem Deal erwarte.

Seit der Bekanntgabe des Dresser-Deals ist der Ölpreis fast um die Hälfte gefallen. Und der Fracking-Boom in den USA zeigt erste Ermüdungserscheinungen - ein Förderinfarkt scheint nicht ausgeschlossen. Denn der Preis pro Barrel ist auf rund 48 Dollar gefallen, während die meisten Förderunternehmen in Texas, Pennsylvania und North Dakota erst bei Notierungen von 60 bis 80 Dollar je Barrel Gewinne bei der unkonventionellen Förderung von Öl und Gas einfahren.

Jetzt produzieren sie mit Verlusten weiter, um die Kredite zu bedienen, die sie in den vergangenen Jahren aufgenommen haben. Gegen den heftigen Preiseinbruch beim Öl haben sich zwar viele mit Hedging-Verträgen abgesichert. Doch einige dieser Verträge laufen in den kommenden Monaten aus. Und dann kann die immense Kreditlast für Dutzende, wenn nicht hunderte von Firmen erdrückend werden.

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Die Ausleihungen der amerikanischen Energiefirmen haben nach übereinstimmenden Angaben seit 2010 um die Hälfte zugenommen, auf fast 200 Milliarden Dollar. Seit Längerem wachsen bei vielen Firmen die Einnahmen nicht mehr so schnell wie die Verbindlichkeiten. Dem Finanzdatenanbieter S&P Capital IQ zufolge, nahmen die Schulden der Energiefirmen seit 2010 um 50 Prozent zu, die Verkaufserlöse blieben jedoch mit einem Zuwachs von 36 Prozent im selben Zeitraum zurück.

Und jetzt ist das erste Opfer zu beklagen.

Anfang Januar ging der Fracker WBH Energy in Texas pleite, weil seine Kreditgeber den Hahn abdrehten. Analysten in den USA sehen eine Serie von Bankrotten auf die kapitalhungrige Branche zukommen. Und Dresser-Rand macht die Hälfte seines Umsatzes mit Dienstleistungen und Geräten für die Förderfirmen.

Die geraten jetzt nicht nur wegen existierender Förderkapazitäten in die Zwickmühle aus Niedrigpreisen und Kreditforderungen. Sie beginnen auch, ihre Expansion drastisch zu drosseln, weil sich neue Bohrlöcher nur noch selten rechnen. Anträge für die Inbetriebnahme neuer Bohrungen sind im November in den USA gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent eingebrochen. Der Fracking-Boom droht jäh zu enden. Und das nur vier Monate nach der Bekanntgabe der Dresser-Rand-Übernahme durch Siemens.

Dabei passte der größte Siemens-Zukauf seit Jahren scheinbar in die Internationalisierungsstrategie der Münchener. Siemens plant schon seit Längerem, seine Aktivitäten in den USA auszudehnen und sein Energiegeschäft von dort aus zu führen.

Solange der Fracking-Boom ungehindert lief und die Ölpreise bei mehr als 100 Dollar pro Fass notierten – noch bis Juli 2014 – brummte in den USA zudem die Nachfrage nach Ausrüstungen für die Öl- und Gasbranche. Kohlekraftwerkspläne wurden von den Versorgern hingegen eingestampft.

„Dresser-Rand könnte ins Beuteschema von Siemens passen.“
Jasko Terzic, Analyst, DZ-Bank

Die USA hatten in den sechs Jahren bis zur Bekanntgabe des Dresser-Deals die tägliche Förderung von Öl auf annähernd zehn Millionen Barrel fast verdoppelt. Im Bakken-Ölfeld in North Dakota stieg die Tagesproduktion um 400 Prozent auf mehr als eine Million Barrel an. Der Anteil der USA an den weltweiten Investitionen der Ölindustrie kletterte im vergangenen Jahr auf ein Fünftel. Die USA lösten Saudi Arabien als größter Öl- und Gasproduzent auf dem Planeten ab.

Nach der Bekanntgabe des Deals erfuhren Zeitungsleser, dass Siemens schon 2012 Dresser-Rand Avancen gemacht, aber eine Abfuhr bekommen hatte. Obwohl sie den Kauf für teuer hielten, äußerten sich Analysten im Herbst jedoch noch optimistisch und positiv über den Deal.

„Dresser-Rand könnte ins Beuteschema von Siemens passen", sagte DZ-Bank-Analyst Jasko Terzic zum angekündigten Kauf. Terzic begründete dies mit der starken Position des US-Unternehmens im Öl- und Gas-Geschäft sowie mit der Tatsache, dass Dresser mit rund 50 Prozent einen relativ hohen Anteil an den traditionell lukrativen Umsätzen im Wartungsgeschäft habe.

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Doch jetzt kämpft die Branche mit erheblichem Gegenwind. Texas, so fürchten die ersten Beobachter im Süden der USA, könne nach dem Boom rund um das ergiebige "Eagle Ford"-Vorkommen in eine Rezession abgleiten. Und so manche Preisprognose für das Öl reicht bereits bis in die Zone zwischen 20 und 40 Dollar.

Selbst wenn die Preise auf dem aktuellen Niveau veharren und nicht weiter zurückgehen, hätten viele Ölförderer zu kämpfen. Denn Saudi Arabien und der Rest der Opec-Kartells der ölfördernden Staaten signalisieren bisher nicht, dass sie bald ihre Produktion drosseln werden.

Doch Siemens-Chef Kaeser setzt auf Zeit. Und damit ist er nicht alleine. Der Ölpreis werde sich wieder erholen, sagen viele Analysten vorher. Ein großes Unternehmen kann eine Delle aussitzen. Doch die Frage bleibt, ob der Fracking-Boom in den USA selbst nach einer Erholung der Öl-Notierungen noch lange weitergehen kann.

Die U.S. Energy Information Agency sagt der US-Ölproduktion bis Ende des Jahrzehnts das Erreichen eines Plateaus vorher. Dem liegt eine Schätzung der technisch nutzbaren Vorkommen von unkonventionellem Öl durch das Energieministerium von bis zu 58 Milliarden Barrel Öl zugrunde. Das entspricht etwas mehr als acht Jahren US-Konsum, basierend auf den aktuellen Zahlen von 19 Millionen Barrel pro Tag.

Doch viel geringer sieht dieselbe Schätzung aus, wenn in ihr die unkonventionellen Reserven zugrunde gelegt werden, die mit Gewinn abgebaut werden können. Diese „proved reserves" betragen dem US-Energieministerium zufolge etwa zehn Milliarden Barrel, würden also bei aktuellem Konsum nur für etwa eineinhalb Jahre ausreichen.

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