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Siemens: Wie klein soll der Konzern werden?

Die Aktie auf Rekordkurs, die Dividende aufgestockt – Siemens präsentiert sich zur Hauptversammlung ausgesprochen aktionärsfreundlich. Kurzfristig mag Konzernchef Kaeser damit gut über die Runden kommen, doch langfristig wird sein financial Engineering nicht reichen.

Es gibt Hauptversammlungen von Börsenkonzernen, auf denen selbst notorisch unzufriedene Aktionäre eigentlich keinen Grund zum meckern haben. Die Siemens AG ist ein solcher Fall. Wenn die Anteilseigner des Dax-Konzerns sich am ersten Februar in der Münchener Olympiahalle treffen, kann der Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser ihnen vorrechnen, wie gut sie im gerade zu Ende gegangenen Jahr mit ihm verdient haben. Die Aktie legte in 2016 um rund 30 Prozent zu und kletterte auf den höchsten Stand seit 15 Jahren. Zum Vergleich: Der Dax schaffte nicht einmal zehn Prozent, das ewige Siemens-Vorbild General Electric erzielte ein Plus von gerade mal knapp neun Prozent. Dazu kommt eine ordentliche Dividende von 3,60 Euro je Aktie – so hoch wie noch nie bei den Münchenern.

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Auch über das operative Geschäft wird Kaeser nachgerade euphorisch berichten. „Das Geschäftsjahr 2016 war eines der stärksten in der Geschichte unseres Hauses, ohne Berücksichtigung von Beteiligungsverkäufen sogar das beste“, schrieb der Vorstandsvorsitzende in seinem jüngsten Brief an die Aktionäre. Auftragseingang und Umsatz stiegen – bereinigt um Währungseffekte – um sechs Prozent, die Umsatzrendite des Industriegeschäfts lag bei mehr als zehn Prozent. Selbst die Analysten in den Finanzhäusern überschlagen sich mit Kauf- oder wenigstens Halten-Empfehlungen. Die jüngste kritische Einschätzung („Untergewichten“) stammt von der Barclays Bank und datiert vom 20. Januar des vergangenen Jahres!

Also alles paletti bei Siemens? Es sieht fast so aus. Für die Aktionäre freilich stellt sich auch die Frage, ob der Aufwärtstrend sich auch im neuen Jahr fortsetzt. Zwar hat Kaeser bei der Jahrespressekonferenz Anfang November erklärt, das alle wichtigen Kennzahlen vom Umsatz bis zum Gewinn je Aktie auch 2017 zulegen werden, doch nicht alle Siemens-Beobachter sind von dem Kurs des Managements so überzeugt wie Kaeser. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Vorsteher des Ingenieur-Konzerns das Financial-Engineering entdeckt hat und weidlich zur Geltung bringt.

Jüngstes Beispiel: Der angepeilte Börsengang der Medizintechnik. Die Siemens-Führung hatte in der Vergangenheit häufiger erklärt, die Verselbständigung dieser Unternehmenseinheit müsse keineswegs zwangsläufig in einen Börsengang münden. Jetzt deklariert Kaeser den Börsengang der in „Healthineers“ umgetauften Sparte zur logischen Weiterentwicklung im Rahmen seines Programms „Vision 2020“. Die für gewöhnlich zurückhaltende „Börsenzeitung“ urteilt knapp und klar: „Dies überzeugt nicht.“

In der Tat. Die Medizintechnik ist gemessen am Umsatz die zweitgrößte Siemens-Einheit. Rund 45.000 Beschäftigte erwirtschaften dort einen Jahresumsatz von 13,5 Milliarden Euro und einen operativen Gewinn von 2,3 Milliarden Euro. Dass die Medizintechnik börsenfähig ist, ist keine Frage. Dass Kaeser die Einheit aus dem Kerngeschäft aussortiert, ist dagegen ausgesprochen fragwürdig. Mit den Börsengängen früherer Teilkonzerne (Infineon, Osram) hat Siemens keine Erfolgsgeschichten geschrieben. Dass dies im Fall der Medizintechnik besser wird, ist zwar möglich, aber nicht sicher.

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Außerdem würde Siemens mit einem IPO von Healthineers seinen wertvollsten Unternehmensteil verlieren. Die US-Bank J.P.-Morgan taxiert die Sparte auf fast 33 Milliarden Euro. Zudem würde Kaeser sich damit aus einem Zukunftsgeschäft verabschieden. Zwar erklärte der Siemens-Primus im November, Siemens wolle die Sparte führen. Doch das kann sich ändern, wie die Beispiele Osram und Infineon beweisen.

Mag ja sein, dass Kaeser die Zukunft des Münchener Technologiekonzerns in einer Schrumpfkur sieht. Vielleicht ist das sogar gar nicht mal falsch – wenn es ihm gleichzeitig gelingt, Siemens fit zu machen für die Digitalisierung und das Internet der Dinge.

Doch auch das ist höchst ungewiss. Das britische Wirtschaftsmagazin „Economist“ verglich erst kürzlich die völlig verschiedenen Wege, die Siemens und Erzkonkurrent General Electric (GE) verfolgen, um für das Zukunftsgeschäft der digitalisierten Industrie gerüstet zu sein. Während GE sich mehr oder weniger komplett neu erfinden will, agiert Siemens vorsichtig und in eher kleinen Schritten. Das Fazit des „Economist“: „GE scheint besser vorbereitet zu sein für die digitale Zukunft“.

Gewiss, auch der Economist kann sich irren. Und auch GE-Chef Jeff Immelt gelingt nicht alles. Doch sein Kollege Kaeser muss jetzt beweisen, dass er nicht nur verkaufen und schrumpfen kann oder teuer einkaufen. Sonst haben seine Aktionäre womöglich schon bald echte Alternativen zur Siemens-Aktie: Healthineers und General Electric.