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Siemens: Die Löscher-Dividende

Vorstandschef Joe Kaeser präsentiert seinen Aktionären bei der Hauptversammlung am ersten Februar einen Konzern in Bestform. Doch Aktienhöchstkurs und Rekorddividende spiegeln vor allem die Korrektur der Schwäche von Kaesers Vorgänger Peter Löscher. Jetzt muss Kaeser zeigen, ob er noch mehr kann.

Ende des Jahres 2007, kurz vor Ausbruch der Finanzkrise, notierte die Siemens-Aktie bei stolzen 108,86 Euro. Weil viele Akteure an der Börse bisweilen vergesslich sind, sei dazu Hintergrund gegeben: Ein halbes Jahr, bevor die Aktie haussierte, hatte ein gewisser Peter Löscher den Posten als Vorstandsvorsitzender des Münchener Konzerns angetreten. Hierzulande war der Mann weitgehend unbekannt, doch Siemens-Oberaufseher Gerhard Cromme, der Löscher akquiriert hatte, verkaufte den Österreicher als Wunderheiler des seinerzeit von einem Korruptionsskandal und einer Führungskrise gebeutelten Konzerns. Schließlich habe Löscher es beim Siemens-Rivalen und Vorzeigekonzern General Electric zum Mitglied des erweiterten Vorstands gebracht und war auch beim amerikanischen Pharmakonzern Merck im Topgremium.

Heute wissen wir, dass die Ära Löscher zu den eher traurigen Kapiteln der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte gehört. Der Mann war in der Funktion als Primus eines global tätigen Konzerns mit rund 350 000 Mitarbeitern und mehr als 70 Milliarden Umsatz schlicht überfordert.

Die Börse spürte Löschers Schwäche schnell auf. Der Aktienkurs rauschte ruckzuck in die Tiefe, dümpelte nach einem kurzen Zwischenhoch bei um die 70 Euro bis 80 Euro, bevor das Management gegen Löscher rebellierte und der Aufsichtsrat nach zwei Gewinnwarnungen innerhalb von drei Monaten im Juli 2013 endlich die Notbremse zog und Löscher von der Last der Unternehmensführung befreite. Für die Siemens-Aktionäre war das eine teure Lektion. Löscher hatte nicht nur Milliarden an Börsenwert vernichtet, er nahm auch noch rund 18 Millionen Euro mit, als Abfindung und Altersversorgung mit.

Wahrscheinlich hätte jeder Nachfolger es besser gemacht. Joe Kaeser, damals Finanzvorstand, hatte deshalb leichtes Spiel, als er die Nachfolge antrat. Zumal er Siemens aus dem Effeff kannte und wusste, was die Börse von Siemens erwartete. Seit seinem Amtsantritt hat er den Aktienkurs von 80 Euro auf mehr als 116 Euro gesteigert. Allein im vergangenen Jahr erzielten die Münchener ein Kursplus von rund 30 Prozent. Der ewige Siemens-Rivale General Electric schaffte nur rund 10 Prozent.

Dass die Münchener auch in diesem Jahr an der Börse so stark strahlen, darauf sollten die Aktionäre sich nicht leichtfertig verlassen. Und dass liegt nicht nur daran, dass die Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 18 über ihrem langjährigen Durchschnitt notiert.

Unter Kaesers Führung hat Siemens gerade mal Löschers Underperformance wettgemacht. Jetzt muss Kaeser nachlegen - und beweisen, dass er nicht nur aufholen kann, sondern den Ingenieurs-Konzern auf strategisch auf nachhaltige Wertsteigerung ausrichten kann. Außer „Financial Engineering“, dem angekündigten Börsengang der Sparte Medizintechnik, hat Kaeser den Aktionären bisher wenig erklärt, wie er das schaffen will, wie er

© siemens.com/presse

  • die nach wie vor bestehende Renditelücke zu den Branchenbesten aufholen will
  • die Gewinnpotentiale in der Energietechnik besser erschließen will
  • die – im Vergleich zu General Electric – halbherzige Digitalisierung schneller vorantreiben will
  1. das Innovationstempo erhöhen und schneller in marktreife Produkte umsetzen will.

Die Aktionäre haben bei der Hauptversammlung am 1. Februar in München nicht nur Grund, sich bei Kaeser für die Kurssteigerungen des vergangenen Jahres zu bedanken. Sie warten vor allem auf schlüssige Antworten, wie Kaeser & Kollegen im Vorstand den Konzern künftig auf Wertsteigerung trimmen wollen.