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Rheinmetall will Rüstungssparten von Airbus

Frankreichs Kriegserklärung gegen Terrororganisationen rückt Rüstungsfirmen in den Fokus. Deutschlands Marktführer Rheinmetall etwa plant Zukäufe. Der Konzern hat sich dafür Kapital beschafft.

Puristische Architektur, fast Bauhaus-Stil. Klare Linien, schnörkellose Fassadengestaltung – die neue Düsseldorfer Hauptverwaltung des MDax-Konzerns Rheinmetall inszeniert das Unternehmen wie eine steingewordene Image-Reklame: ästhetisch, modern, voller Dynamik.

Aktuell hat der Automobilzulieferer und Rüstungsriese Rheinmetall tatsächlich Rückenwind. Denn die Rheinmetall-Autozuliefertochter KSPG wächst im Jahr 2015 schneller als der Markt, und spätestens seit der Kriegs-Ankündigung Frankreichs gegen den Islamischen Staat am 15. November 2015 rechnen Experten mit bald höheren Umsätzen vieler Waffenlieferanten, vielleicht auch der Rheinmetall Rüstungssparte.

© Rheinmetall AG

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Der Aktienkurs von Rheinmetall stieg dann auch am 16. November 2015 mit einem Plus von fast 5 Prozent so stark, wie keine andere Aktie im breit gefassten deutschen HDax-Börsenindex.

Doch selbst ohne solch einen Nachfrageschub legte die Sparte zuletzt zu. Die Branche wuchs seit 2010 laut Angaben des Berliner Wifor-Instituts im Schnitt um 7,8 Prozent pro Jahr. Das war doppelt so schnell wie die hiesige Industrie insgesamt, trotz der Sparmaßnahmen in vielen öffentlichen Verteidigungsetats.

Rheinmetall sieht sich deshalb nicht von der Konjunkturseite unter Druck, sondern eher von der Konsolidierung in der Rüstungsindustrie. „Ich bin überzeugt, dass wir nach der nationalen auch eine europäische Konsolidierung machen müssen“, sagte Vorstandschef Armin Papperger laut dem Handelsblatt im November 2015.

Genau diesen Weg geht bereits die Rheinmetall-Konkurrenz. Krauss-Maffei Wegmann (KMW) etwa und die französische Nexter, die im Juli 2015 ihren unternehmerischen Zusammenschluss besiegelten; das Duo könnte so etwas wie das deutsch-französische Gegenstück zum Airbus in der Panzerproduktion werden. Schließlich wird dieses fusionierte Unternehmen pro Jahr rund zwei Milliarden Euro Umsatz machen, etwa 6000 Menschen beschäftigen und zum größten Panzerproduzenten Europas aufsteigen.

Im Visier haben KMW und Nexter mit ihrem Zusammenschluss Wettbewerber wie General Dynamics in den USA und BAE Systems in Großbritannien. Aber auch der Marktführer in Deutschland, Rheinmetall, muss reagieren, wenn große Konkurrenten die Kräfte bündeln und sich zusammenschließen, um Forschung, Entwicklung, Einkauf und Vermarktung zu bündeln.

Übernimmt sich Rheinmetall nun eventuell mit dem erkennbaren Versuch, die konsolidierenden Wettbewerber auf Distanz zu halten?


Rheinmetall bietet jedenfalls zusammen mit Finanzinvestoren wie Blackstone und KKR für einzelne Sparten des Airbus-Militärgeschäfts, in denen Radarkomponenten hergestellt werden, aber auch optische Elektronik und Anlagen zur elektronischen Kriegsführung. All das würde Rheinmetall wohl etwa eine Milliarde Euro kosten, und der Kauf könnte bald bekanntgegeben werden:

© Rheinmetall AG

Zumindest Airbus sagte im Oktober 2015, die Verhandlungen über den Teilverkauf seines Militärgeschäfts machten „gute Fortschritte.“

Noch scheinen Aktionäre und Analysten die Zukaufstrategie von Rheinmetall gut zu heißen. Der Aktienkurs des Düsseldorfer Unternehmens befindet sich seit zwölf Monaten in einem fast stetigen Aufwärtstrend von seinerzeit 35 auf 55 Euro Mitte November 2015, wenn auch zuletzt durch eine Korrektur von etwa 15 Prozent unterbrochen.

Rheinmetall hatte eine Kapitalerhöhung mit einem Volumen von 240 Millionen Euro angekündigt. Mit dem Erlös der Ausgabe von knapp vier Millionen neuen Aktien soll die Wachstumsstrategie des Unternehmens finanziert und die Kapitalbasis gestärkt werden.

Mindestens acht Bankanalysten haben die Rheinmetall-Aktien dennoch Mitte November 2015 auf ihrer „Kauf“-Liste behalten. Das sieht nicht nach großen Zweifeln an der Strategie aus.

Auch das laufende Geschäft signalisiert einigen Schwung. Zwar war die Rüstungssparte in den ersten neun Monaten des Jahres 2015 in den roten Zahlen, doch wurde im dritten Quartal operativ die Wende in die Pluszone geschafft.

Rechnet man die Autozuliefersparte mit ein, stieg der Umsatz des Konzerns von Januar bis September 2015 im Jahresvergleich um 11 Prozent auf fast 3,6 Milliarden Euro. Davon blieben unter dem Strich 73 Millionen Euro Gewinn. Rheinmetall hob den Ausblick für seinen Umsatz und die operative Marge für 2015 sogar an.


Überhaupt, die Auozuliefersparte von Rheinmetall: Während die globale Autoproduktion in den ersten neun Monaten des Jahres 2015 real um ein Prozent zulegte, verzeichnete die entsprechende Rheinmetall-Tochter KSPG in dem genannten Zeitraum einen Zuwachs von 7 Prozent.

„Mit diesem soliden Umsatzzuwachs hat KSPG die Zunahme der weltweiten Automobilproduktion in den ersten neun Monaten wechselkursbereinigt fast um das Vierfache übertroffen“, kommentierte KSPG-Vorstandschef Horst Binnig laut einer Pressemitteilung die Zahlen. Und die Rheinmetall-Tochter kann weiter Großaufträge einbuchen.

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Europäische, amerikanische und japanische Autohersteller hätten KSPG neue Orders im Wert von insgesamt mehr als 300 Millionen Euro erteilt, berichtete das Unternehmen am 20. November 2015.

Geliefert werden sollen insbesondere so genannte variable Ölpumpen, die in Pierburg-Werken in Frankreich, Italien und Mexiko hergestellt werden. Mit ihnen sollen die Emissionen von Autos gesenkt werden können; allein dieser Teilauftrag bringt Rheinmetall nach eigenen Angaben 245 Millionen Euro Umsatz, gestreckt über mehrere Jahre.

Die Rheinmetall-Tochter KSPG, so scheint es Mitte November 2015, kann vorerst dem langsameren Wachstum des Automarkts in China trotzen, und auch den Erschütterungen, für die Volkswagen in dieser Industrie mit seinem Abgasskandal sorgt. Beflügelt setzt das Rheinmetall-Management auch bei KSPG auf Internationalisierung und Wachstum.

Die KS Kolbenschmidt und Riken, das mit Hauptsitz in Tokyo unter anderem Kolbenringe, Dichtungsringe, Nockenwellen und Gussgehäuse herstellt, haben im Frühjahr 2015 eine weltweit angelegte strategische Kooperation in Vertrieb und Entwicklung von Kolbensystemen vereinbart.

Insgesamt scheinen Aktionäre und Analysten von den Plänen und deren Umsetzung durch das Rheinmetall-Management überzeugt zu sein. Der Rheinmetall-Aktienkurs hat die Hälfte der Verluste, die er nach Bekanntgabe der Kapitalerhöhung erlitt, binnen weniger Tage wettgemacht. Und Analysten wie Alexander Hauenstein bei der DZ Bank sehen eine Fortsetzung der Wende in der Verteidigungssparte. Er hat seine Einstufung der Rheinmetall-Aktie Anfang November 2015 auf „Kaufen“ belassen.

Auch andere Finanzexperten rechnen offenbar mit steigenden Rheinmetall-Kursen: Der von Ian Wace und Paul Marshall gegründete Londoner Hedgefonds Marshall Wace LLP hat am 16.11.2015 seine Netto-Leerverkaufsposition von 0,61 Prozent auf 0,20 Prozent der Rheinmetall-Aktien gesenkt.