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Jetzt kommt Merz, mit „e“

Martina Merz soll neue Aufsichtsratsvorsitzende des angeschlagenen Ruhrkonzerns Thyssen-Krupp werden. Um das Unternehmen zu sanieren braucht sie wahre Trümmerfrau-Qualitäten. Ist die neue Hausherrin ihrer Aufgabe gewachsen?

Stammaktionäre von Thyssen-Krupp dürfen bei der Hauptversammlung des Traditionskonzerns auf ein kräftig überarbeitetes Programm hoffen. Für Begeisterung beim Publikum sollen neue Hauptdarsteller sorgen: Gerd Kerkhoff, der sich in früheren Jahren mit der Nebenrolle des Finanzchefs begnügen musste, debütiert nun als Vorstandsvorsitzender. Vor allem aber ist es dem Veranstalter gelungen, eine neue Hauptdarstellerin auf die Bühne zu bringen: Martina Merz, mit e (wie Friedrich Merz), 55 Jahre, Maschinenbauerin.

Für die meisten Mitarbeiter, aber auch Aktionäre ist Martina Merz eine große Unbekannte. Gewiss, sie hat als Managerin praktiziert. Von 2001 an vier Jahre als Chefin der Bosch-Einheit „Robert Bosch Schließsysteme GmbH“, die sie mit sich selbst an eine Private-Equity-Firma verkaufte, in „Chassis Brakes International“ umbenannte und später auch noch leitete, eine Firma mit etwas mehr als 5000 Beschäftigten und etwas weniger als eine Milliarde Euro Umsatz.

Thyssen-Krupp ist freilich eine Nummer größer (mehr als 160 000 Mitarbeiter, rund 43 Milliarden Euro Umsatz) und komplexer. Der Ruhrkonzern operiert auf fünf Geschäftsfeldern, die eigentlich nicht viel miteinander zu tun haben, vom Stahl bis zu Aufzügen und Schiffen. Vor allem aber leidet die Aktie des Ruhrriesen an chronischem Verfall. Anfang 2018 notierte das Papier noch bei deutlich über 20 Euro, Ende 2018 waren es keine 15 Euro mehr. Am Niedergang hat auch die vom neuen Vorstandschef Kerkhoff angekündigte Aufspaltung in zwei separate Aktiengesellschaften nichts geändert. Die neue Führungsmannschaft steht somit vor einer gewaltigen Herausforderung.

Ist Martina Merz, die nach der Hauptversammlung am 1. Februar vom Aufsichtsrat zur neuen Oberaufseherin gewählt werden soll, die richtige Wahl für diese Aufgabe? Kann sie nach dem Chaosjahr 2018, in dem erst der Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Lehner und dann der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger bei Thyssen-Krupp die Brocken hinwarfen, die Wende einleiten?

Zweifel sind erlaubt. Mag ja sein, dass Merz die durchschnittliche Kompetenz im Aufsichtsgremium des Konzerns erhöht. Dass sie die bessere Wahl im Vergleich zum Übergangs-ARV Bernhard Pellens ist, einem BWL-Professor, darf man auch getrost annehmen. Aber das ist nicht die Benchmark: Thyssen-Krupp braucht an der Spitze des Kontrollgremiums eine Persönlichkeit, die das Management hart fordert, die endlich auch mal Aktionärsinteressen wahrnimmt und kreative Vorstellungen für die Zukunft entwickeln kann, die einen Großkonzern sanieren und restrukturieren kann - eine Mischung aus Kajo Neukirchen und Wolfgang Reitzle.

Merz-Befürworter mögen einwenden, die designierte Oberaufseherin sei Kandidaten des Thyssen-Krupp-Großaktionärs Cevian, und der sei ja schließlich ein aktivistischer Investor, mithin an besseren Aktienkursen interessiert. Theoretisch stimmt das sogar, praktisch hilft aber auch das wenig. Tatsächlich kennen die Cevian Macher die Qualitäten von Merz aus dem Aufsichtsrat ihrer Beteiligung Volvo AB. Obendrein amtiert Merz als Chefkontrolleurin des niederländischen Automobilzulieferers SAF-Holland SA und Aufsichtsrätin bei der deutschen Lufthansa. Dort haben sich die Cevianisten sicherlich auch schau gemacht. Allerdings ist der schwedische Fonds in den vergangenen Jahren nicht gerade als konstruktiv-kritischer Begleiter des Thyssen-Krupp-Managements aufgefallen. Im Gegenteil, Jens Tischendorf, ihr Abgesandter im Aufsichtsrat, hat das Missmanagement der Ära Hiesinger hilflos mit angesehen.

Was also sollen die Thyssen-Krupp-Aktionäre bei der Hautversammlung tun? Vorschusslorbeeren für die neue Vorstandsmannschaft und den neu formierten Aufsichtsrat sind sicherlich fehl am Platz. Statt dessen sollen sie kritisch nachfragen: Warum wurde nach Lehners Flucht vom Aufsichtsratsvorsitz den Aktionären Bernhard Pellens als Dauerlösung präsentiert, wenig später aber schon ein neuer Oberaufseher gesucht? Warum hat der Großaktionär Krupp-Stiftung seinen neuen Kurator Bernd Pischetsrieder nicht in den Aufsichtsrat entsandt? Wäre der Industrieveteran nicht das bessere Gegengewicht zu Vorstandschef Kerkhoff?

Der hat seine Qualitäten in der Leichtgewichtsklasse jüngst erst in einem Weihnachtsvideo bewiesen, als er gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen Plätzchen backte. Vielleicht wäre Kerkhoff bei der Bäckereikette Kamps ja besser aufgehoben.

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