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Gutachter verheddert sich in Porsche-Mitteilungen

Ein Professor beweist im Porsche-Prozess, dass eine Porsche-Mitteilung im Jahr 2008 Anleger zum Kauf von VW-Aktien zwang. Dass dadurch seinerzeit der VW-Aktienkurs stieg, kann er nicht folgern.

28.Oktober 2008, in den Morgenstunden. Kurz zuvor hatte sich Porsche zu Wort gemeldet, mit einer Pressemeldung: Übernahme von Volkswagen, wieder eine Meldung dazu. Doch an diesem Morgen war alles anders.

Der Börsenkurs von Volkswagen schoss in die Höhe, ständig, zum Zuschauen: sechshundert Euro je VW-Aktie, siebenhundert, achthundert – wer bietet mehr? Die Nachrichtenredaktionen in Deutschland reagierten damals schnell:

Live-Ticker waren längst eingerichtet worden, in den Online-Redaktionen von Wirtschaftsmagazinen wie dem Manager Magazin oder dem Handelsblatt wurden erfahrene Kollegen komplett für die Berichterstattung Porsche/Volkswagen/Börse abgestellt. Es war eingetreten, was man eine große Lage nennt. Daran erinnert man sich.

© dpa

Was war passiert? Porsche hatte quasi übers Wochenende mitgeteilt, sich bereits eine Beteiligung von knapp unter 75 Prozent der VW-Stammaktien gesichert zu haben.

Konnte das stimmen? Deutschlands größter Industriekonzern fast schon aufgekauft?

Heute, beinahe auf den Tag genau sieben Jahre danach, sollte im Porsche-Prozess aufgearbeitet werden, was damals passierte. Wie dieser abenteuerliche Kurs von schließlich mehr als 1000 Euro je VW-Aktie im Laufe jenes Börsentags am 28. Oktober 2008 zustande gekommen war, der die Übernahmeschlacht von Porsche und Volkswagen in den Wirtschaftsredaktionen deutschlandweit zum alles beherrschenden Tagesthema gemacht hatte.

War die Pressemitteilung von Porsche in den Abendstunden zuvor dafür verantwortlich? Und wenn ja, was stand eigentlich darin? Das sollte in der zweiten Prozesswoche für das Stuttgarter Landgericht Hans-Peter Burghof klären, seit 2003 Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim.

Es ist ein wichtiges Gutachten. Manche würden Burghofs Aufgabe deshalb vielleicht als Schanierstelle im derzeit laufenden Prozess gegen Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking bewerten. Entsprechend gespannt die Atmosphäre, als Burghof vor Gericht zu sprechen beginnt.

Im Gerichtssaal sitzen fast nur Mitarbeiter von Kanzleien, die für die Angeklagten die Verteidigung übernommen haben. Man erkennt sie leicht, sie sitzen immer zusammen. An diesem Morgen sind sie besonders konzentriert, viele wollen sich offenbar Notizen machen. Alles mitschreiben, was der Professor gleich sagen wird. Die Blöcke liegen auf den Knien.


Ihre Anspannung allerdings verpufft schnell, und auch die der Angeklagten; neben dem Ex-Porsche-Chef Wiedeking auch sein ehemaliger Finanzvorstand Holger Härter; beiden hat die Staatsanwaltschaft mögliche Marktmanipulation vorgeworfen.

Der Hohenheimer Professor hat sich offenbar in der Serie ehemaliger Porsche-Pressemeldungen verstrickt. „Das ist das Schöne an der Börse, da werden unendlich viele Geschichten erzählt“, sagte er einleitend.

© Bankenverband

Leises Gelächter im Gerichtssaal.

Allerdings: Schon wahr, das mit den Börsengeschichten. Doch die zentrale Geschichte über die Wirkung jener Porsche-Meldung vor dem 28. Oktober 2008 leuchtete seinerzeit schonungslos offen auf der Kurstafel der Frankfurter Börse auf: stark steigende VW-Kurse flackerten über die Anzeige, der Handel wurde hektischer. Und hektischer.

Das war an den News-Desks der Redaktionen die Zeit der Eilmeldungen und News-Flashs. Des „Was ist da los“? Und sie dauerte eine geraume Zeit an.

Burghof allerdings sagte vor Gericht als nächstes, dass die umstrittene Porsche-Pressemitteilung im Vorfeld des legendären 28. Oktober 2008 nur innerhalb weniger Minuten nach ihrer Veröffentlichung für das Kursspektakel an der Börse verantwortlich sein könne.

Doch kann das sein? Läuft auch in den Büros der Geldhäuser immer alles Schlag auf Schlag? Auch, wenn sich plötzlich Grundlegendes bei ihren Investments ändert?

Oft müssen doch auch Risiko-Komitees einberufen werden, Menschen entscheiden. Deshalb wahrscheinlich deckten sich zum Beispiel Fonds auch erst am Dienstag dem 28. Oktober 2008 groß mit VW-Aktien ein, trieben den VW-Kurs so über die optisch magische 1000- Euro-Schwelle – und damit via Laufband in die TV-Sendungen der Nachrichtenkanäle.

+++ VW-Kurs überspringt 1000-Euro-Schwelle +++

In den Wirtschaftsredaktionen war zu diesem Zeitpunkt längst jedermann in Gang gesetzt worden, um Experten zu finden, die das Phänomen erklären konnten. Die Anlegern rieten, wie sie sich verhalten sollten. Und, bitteschön, aus welcher Not die Preistreiberei an der Börse denn entstanden war, die anscheinend nicht enden wollte an diesem langen Tag des 28.Oktober 2008.

© Flickr / CC BY-SA 2.0 / D. V. Fernández / https://goo.gl/4hhKfl

Was zu diesem Zeitpunkt erst von Journalisten recherchiert wurde: Die Porsche SE hatte seinerzeit mehr als die Hälfte des Marktes für VW-Stammaktien durch Put-Optionen gegen fallende Kurse versichert. Fallende Kurse hätten deshalb wohl zu immensen finanziellen Belastungen für Porsche geführt. Aber das wusste zu jenem Zeitpunkt eben niemand.

Prozessbeobachter sagen dann auch hinter vorgehaltener Hand: „Jene Presseerklärung der Porsche SE war letztlich nichts anderes als eine klare und eindeutige Kaufempfehlung für VW-Aktien.“

Sieben Jahre nach der Porsche/Volkswagen-Übernahme kennt man aber die damals verschwiegenen Porsche-Optionsgeschäfte. Doch der Gutachter verliert darüber im Prozesssaal kein Wort.

Frohlocken bei den Angeklagten und ihren Verteidigern.

Und deren Laune besserte sich weiter.


Porsche hatte seine umstrittene, damalige Pressemitteilung mit einem beruhigenden Abbinder versehen: Man wolle mit der Meldung allen Betroffenen die Möglichkeit geben, ihre Positionen ohne größere Verluste zu schließen, ließ Porsche seinerzeit noch jovial mitverbreiten.

Doch wie der sagenhafte 1000-Euro-Sturmlauf der Porsche-Aktie an jenem 28. Oktober 2008 zeigte, beeindruckte das die Börse damals überhaupt nicht. Sieben Jahre später indes beeindruckte es den Gutachter: Professor Burghof gab vor Gericht an, dass diese joviale Textpassage der Porsche-Mitteilung den Kurs der VW-Aktie „hätte dämpfen können“.

© istock / EdStock

Hat es aber eben nicht. Im Gegenteil. Die Porsche-Meldung erzeugte durch die Information, sich bereits eine Beteiligung von knapp unter 75 Prozent der VW-Stammaktien gesichert zu haben, einen sogenannten Short Squeeze. Anleger bibberten also, dass vielleicht schon nicht mehr genug Porsche-Aktien auf dem Markt waren, um die bestehenden Verpflichtungen aus Derivategeschäften zu decken. Profis sprechen von einer Marktenge. Und fürchten sie.

„Niemand kann ein Interesse an einem Short Squeeze haben“, folgerte Gutachter Burghofer dann auch vor Gericht - und sah damit zum zweiten Mal über die damalige Notlage von Porsche hinweg.

Die Porsche SE hatte ja im Laufe des Jahres 2008 durch den Aufbau ihrer Derivate-Strategien mehr als die Hälfte der VW-Aktien gegen fallende Kurse versichert. Als dann ab September 2008 infolge der Finanzkrise auch die Kurse der VW-Aktie mit denen nahezu aller anderen Aktien einbrachen, war die Porsche SE fast schon erledigt. Im Stundentakt forderten damals die Banken neue Sicherheiten von der Porsche SE. Das Geld wurde knapper und knapper.

Nicht wenige Prozessbeobachter glauben: Die Porsche SE hätte deshalb einen weiteren Kursverfall der VW-Aktien nicht überlebt.

Genau davor aber schützte sie der Short Squeeze: Die Kurse der VW-Aktien schossen in die Höhe, schüttelte den Finanzkrise-Blues an der Börse nahezu als einzige große Aktie ab, und die Porsche SE bekam dadurch wieder Luft zum Atmen. - „Niemand kann ein Interesse an einem Short Squeeze haben“, folgerte Gutachter Burghofer dennoch vor Gericht.

© fotolia /rudi1976

Was viele Beobachter auch heute noch nicht wissen: Die Staatsanwaltschaft hat noch ein weiteres pikantes Detail aus der Übernahmeschlacht ermittelt.

Die Porsche GmbH Salzburg hatte offenbar schon am 15.10.2008 zusätzliche 2,37 Prozent VW-Stammaktien gekauft. Die Porsche SE gab aber in ihrer umstrittenen Pressemitteilung vom 26. Oktober 2008 an, man halte direkt und indirekt knapp weniger als die wichtige 75-Prozent-Schwelle, mit der die Übernahme perfekt gewesen wäre. Dabei fanden sich zu diesem Zeitpunkt die fehlenden Prozentpünktchen dazu offenbar in den Tresoren einer anderen Porsche-Firma.

Gutachter Burghofer hat das Ermittlungsergebnis entweder auch nicht gekannt oder vor Gericht völlig aus den Augen verloren. Kein Wunder dann auch, dass er nicht sagen konnte, was die Kursexplosion der VW-Aktien auslöste – die Porsche-Pressemitteilung vom 26. Oktober 2008.

Die Staatsanwaltschaft wird sich nach dem Auftritt des Gutachters sammeln müssen.

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