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Ex-Staatskonzern Post setzt auf die BRICs

Wo die Wirtschaft wächst, werden mehr Waren transportiert. Deshalb will das Post-Management in das Schwellenlandgeschäft einsteigen — und auf der heutigen Hauptversammlung davon die Aktionäre überzeugen.

Wenn die Deutsche Post am 27. Mai ihre Aktionäre versammelt, wird viel über die großen Schwellenmärkte gesprochen. China, Indien, Brasilien und Russland machen derzeit zwar wegen ihrer bedenklichen Wachstumsdelle Schlagzeilen.

Doch langfristig locken sie europäische und amerikanische Firmen weiterhin mit viel Wachstumspotenzial. Und die Post setzt schwer auf diese Perspektive – denn einer muss den anschwellenden Warenstrom in den aufstrebenden Staaten schließlich transportieren. Die Dimensionen sind tatsächlich gewaltig.

Der Volkswagen-Konzern etwa will im Kampf um die globale Auto-Krone bis zum Jahr 2018 mehr als 18 Milliarden Euro in Gemeinschaftsunternehmen in China investieren; die Volksrepublik ist seit fünf Jahren der größte Pkw-Markt der Welt. Entsprechend zieht es auch die VW-Konkurrenz dorthin.

Der US-Erzrivale General Motors beispielsweise, der zurzeit mehr Autos zurückruft als er verkauft, will bis zum Jahr 2017 satte zwölf Milliarden Dollar in neue Fabriken im Reich der Mitte investieren.

Mehr noch: Die Chemieindustrie, der Maschinenbau, Elektrofirmen wie Siemens - sie alle setzen stark auf Fernost. Die Folge ist ein drastisch anschwellender Strom von Produkten, Bauteilen und eiligen Lieferungen zwischen Europa und Asien. Ein El Dorado für internationale Expressdienste wie die Deutsche Post-Tochter DHL.

Entsprechend ambitioniert klingen die Wachstumspläne des ehemaligen deutschen Staatsunternehmens.


Die Post will bis Ende des Jahrzehnts 30 Prozent ihres internationalen Geschäfts in den Schwellenländern machen. Wird dieses Ziel erreicht, dann sind das fast 50 Prozent mehr Anteil am Gesamtumsatz als im Augenblick.

Die Verlagerung der Weltwirtschaft aus den etablierten Wirtschafts- in Richtung der Schwellenregionen lässt das Geschäft boomen, die globale Mittelschicht wächst vor allem in Asien und Südamerika. Die Deutsche Post setzt für ein ehemals verschlafenes Staatsunternehmen erfrischend zielstrebig auf dieses boomende Geschäft.

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Die Post will deshalb beispielsweise am explosionsartig zunehmenden globalen Ecommerce teilhaben, den der Urknall im asiatischen Internetuniversum auslöst.

China etwa zählt schließlich schon jetzt die meisten Internetteilnehmer, registriert das wuchtigste Wachstum im Online-Handel und bietet eine konsumfreudige Ecommerce-Kundschaft, die heiß auf westliche Markenprodukte ist.

Internetriesen wie Alibaba und JD.com, dessen IPO vergangene Woche in New York 15fach überzeichnet war, sammeln Kapital für ihre internationale Expansion ein. Sie starten Plattformen im Westen, kaufen dort Internet-Startups und führen bereits Produkte und Dienstleistungen westlicher Firmen im Online-Portfolio.

Das wird zu einer immensen Ausdehnung des Express-Aufkommens zwischen Ost und West führen. Selbst ein vorübergehender wirtschaftlicher Einbruch in China könnte daran kaum etwas ändern.


DHL bietet auf zwei wichtigen Routen zwischen Fernost und Europa regelmäßige Verbindungen an. Seit Anfang des Jahres setzt sie zwischen dem zentralchinesischen Chengdu sowie den Logistik-Hubs Lodz und Malaszewicze an der EU-Grenze Waggons mit stabilen Temperaturen ein, um auch sensible Güter transportieren zu können.

Die Verbindungen sind günstiger als mit dem Flugzeug und drei Wochen schneller als auf dem Seeweg. Eine zweite Strecke, die transsibirische Route, führt von Shanghai aus in die EU.

Die Post setzt auch auf einen zweiten wichtigen Trend, der vielversprechend aussieht. Es ist die Expansion indischer Generikafirmen in Richtung USA und Europa. Hierfür wurde ein spezielles Distributionszentrum in Mumbai eingerichtet.

Hintergrund sind die ächzenden Gesundheits-Budgets im Westen. Die Ausgaben steigen schneller als die Wirtschaft wächst. Der wachsende Druck zu Kostensenkungen im Westen spielt billigen Nachahmerpräparaten, sogenannten Generika, in die Hände.

Kein Land profitiert davon so stark wie Indien, das zum größten ausländischen Lieferanten am Medizinmarkt der USA – dem größten der Welt – aufgestiegen ist. Mehr als 150 Pharmafabriken in Indien stoßen mit Lizenz der US-Food and Drug Administration Milliarden von Tabletten für den US-Markt aus.

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Die Generika-Hersteller auf dem Subkontinent – Firmen wie Lupin, Sun Pharma, Dr Reddy's, Wockhardt und Aurobindo Pharma - liefern 40 Prozent der Nachahmermedikamente und rezeptfrei verschriebenen Pillen in den USA. Ihre Expansion nach Europa beginnt erst.

Laut der Organisation of Pharmaceutical Producers of India hat dieser Boom in Indien vier Millionen Jobs geschaffen. Das Lohnniveau beträgt dort etwa ein Fünftel der USA und ein Drittel von Europa. Indiens Pharmafirmen können halb so teuer produzieren wie westliche Firmen.


Doch der richtige Urknall für diese Erfolgsgeschichte hat noch gar nicht stattgefunden. Wer sich frühzeitig in den boomenden Generikahandel zwischen Indien und dem Rest der Welt einklinkt, darf auf gutes Geschäft hoffen.

Eine zentrale Rolle dürfte im DHL-Konzept auch das neue Nordasien-Drehkreuz auf dem internationalen Flughafen Pudong von Shanghai spielen. In China wird sich aus der Sicht der Logistikbranche die Zukunft entscheiden. DHL bestreitet dort ungefähr ein Drittel des Marktes für internationale Expressdienste.

Laut dem Berater PricewaterhouseCoopers werden Ende des kommenden Jahrzehnts schon 17 der 25 wichtigsten bilateralen Handelsrouten für See- und Luftfracht nach China führen.

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Als Chinas Staatspräsident Xi Jinping im März Deutschland besuchte, schlug er auch eine Neuauflage der alten Seidenstraße vor. Deutschland und China wollen unter anderem die Frachtroute Chongqing–Duisburg mit drei Verbindungen pro Woche ausbauen.

Chongqing gilt mit mehr als 30 Millionen Einwohnern als vibrierendes Zentrum von China, wo Elektro- und Computerfirmen wie Hewlett-Packard, Acer, Apple und der iPhone-Endmonteur Foxconn Fabriken betreiben.

Der Service auf der Bahn-Seidenstraße wird seit zwei Jahren erweitert. Tägliche Verbindungen sind in der Planung. Die Fracht auf den Zügen ist zwei Mal so schnell unterwegs wie per Schiff und kostet nur halb so viel wie Luftfracht.

Seit dem vergangenen August verbindet die Deutsche Bahn das chinesische Industriezentrum Zhengzhou mit Hamburg, das als Hub des deutschen Außenhandels mit China gilt. China ist Deutschlands größter außereuropäischer Handelspartner. Deutschland ist Chinas größter Handelspartner in Europa.

Der Warenaustausch zwischen beiden Ländern addierte sich im vergangenen Jahr auf 140 Milliarden Euro.