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Brexit lässt Finanzbranche zittern

Großbritanniens Bürger wollen die EU verlassen. Ihr Votum stürzt die Börsen am 24. Juni 2016 tief ins Minus. Vor allem die Deutsche Bank, die zeitgleich neue Schrumpfpläne verkündigt hat, gerät massiv unter Druck.

Die Wahlbeteiligung war hoch, das Ergebnis für Europa kritisch: Die Briten haben in einer Volksabstimmung beschlossen, die Europäische Union zu verlassen. 72 Prozent der Wahlberechtigten haben von ihrer Stimme Gebrauch gemacht. Am Ende votierten 51,9 der Bürger Großbritanniens für den Austritt aus der EU.

© istock / AM-C

Die wirtschaftlichen Folgen des Referendums zeigten sich zuerst an den Börsen. Der britische Leitindex FTSE 100 gab am Freitag, 24, Juni, bis 11 Uhr um 6,6 Prozent auf 5920 Indexpunkte nach. Der deutsche Dax sackte um 8,4 Prozent auf 9401 Punkte, Österreichs ATX verlor 9,7 Prozent auf 2025 Stellen – und selbst der Schweizer Leitindex gab deutlich nach, obwohl die Schweiz nicht einmal EU-Mitglied ist: In Zürich fiel die Notierung um 4,6 Prozent auf 7652 Punkte.

Das allerdings war keine Ausnahme, sondern weltweit die Regel nach der Entscheidung der Briten gegen die EU. Beispiele Asien: In Tokio verzeichnete der Nikkei-225-Index ein Minus von 7,9 Prozent auf14.952 Punkte. Und an Koreas Börse in Seoul sackte der dortige Aktienleitindex (Kospi) um 3 Prozent auf 1925,24 Stellen ab.

Damit nicht genug, erhebliche Turbulenzen gab es auch auf dem Devisenmarkt. Dort notierte das britische Pfund verglichen mit dem Euro-Kurs auf den niedrigsten Stand seit 1985. Der Euro selbst büßte etwa 3,5 Prozent an Wert zum US-Dollar und fiel zwischenzeitlich bis auf 1,0913 US-Dollar. Selbst an den europäischen Strombörsen in Großbritannien, Frankreich und Deutschland gingen Terminpreise im Schnitt um 1,50 Euro auf 26 Euro zurück.


Noch in das Meldungsgewitter der Nachrichtenagenturen über das Brexit-Votum platzte die Deutsche Bank mit einem Stellenstreichungsbeschluss. Zu schwer wiegen die Belastungen für die Finanzbranche seit der Finanzkrise offenbar, die neue Brexit-Krise dürfte das Deutsche-Bank-Management nicht beruhigt haben.

© istock / instamatics

Nach Angaben des größten hiesigen Geldhauses sollen hierzulande knapp 3000 Vollzeitstellen wegfallen. Von derzeit 723 Filialen der Bank in der Bundesrepublik würden so nur 535 übrig bleiben. Das Geldhaus will offenbar insbesondere in Großstädten das Filialnetz ausdünnen, Berlin könnte besonders stark betroffen sein. Dort leistet sich die Deutsche Bank bisher Doppelstrukturen mit der einst übernommenen Berliner Bank.

Die ersten der 188 betroffenen Filialen sollen im vierten Quartal dieses Jahres dicht gemacht werden, der Großteil dann im ersten Halbjahr 2017.

Trotz dieser weitreichenden Entscheidungen für die eigenen Mitarbeiter steht angesichts eines zweistelligen Kurseinbruchs der Deutsche-Bank-Aktien an diesem Tag vor allem der Brexit im Mittelpunkt. „Das ist kein guter Tag für Europa“, sagte Deutsche-Bank-Chef John Cryan nach der Bekanntgabe der Ergebnisse in einem Statement.

„Sicherlich sind wir als Bank mit Sitz in Deutschland und einem starken Geschäft in Großbritannien gut darauf vorbereitet, die Folgen des Austritts zu mildern“, so Cryan. Der Bankchef, der selbst Brite ist, erklärte aber auch, dass es ihn schmerze, dass Europa für viele seiner Landsleute „offenbar an Attraktivität verloren“ habe. „Das ist ein klares Signal an die Europäische Union, wieder näher an die Menschen zu rücken und die Demokratie zu stärken.“


Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, riet in diesem Sinne am Freitag dazu, den Briten trotz des Neins zur Europäischen Union Großbritannien nicht ganz die Tür zu verschließen. „Die EU darf jetzt nicht die beleidigte Leberwurst spielen“, sagte Krämer nach dem Brexit-Votum. Stattdessen schlug er vor, Großbritannien „wie dem Nicht-EU-Land Norwegen das Recht gewähren, weiter Zugang zum EU-Binnenmarkt zu haben.“

Schließlich sei Großbritannien der zweitwichtigste Handelspartner der EU - nach den USA und vor China. Kurzfristig, so der Volkswirt, werde die Entscheidung der Briten zum EU-Austritt für wirtschaftliche Unsicherheit sorgen. Krämer erwartet für den Euroraum aber keinen Rückfall in die Rezession.

Berliner Niederlassung der Allianz Versicherung© istock / Robert Herhold

Auch der internationale Bankenverband (IIF) greift die neue Situation nach dem Brexit in einer Stellungnahme am Freitag in Washington. Er fordert eine schnelle Klärung der künftigen Beziehung zwischen der EU und Großbritannien. Die Politik müsse nun die Unsicherheiten für die Wirtschaft begrenzen, so IIF-Chef Tim Adams.

„Jetzt beginnt die schwierige Aufgabe, den britischen EU-Austritt zu gestalten.“ Das Ausmaß des Referendums werde erst in einiger Zeit deutlich werden. Kurzfristig, so Adams, werde es „sehr zerstörend“. Vor allem in Großbritannien rechnet der IIF-Chef mit einem Abreißen des Wirtschaftswachstums und einem Wegfall von Arbeitsplätzen.

Etwas weniger drastisch ist die Sicht bei Europas größtem Versicherer Allianz. Ein Sprecher des Dax-Konzerns sagte gegenüber der dpa, „mittel- bis langfristig erwarten wir bilaterale Vereinbarungen zwischen Großbritannien und der EU für beständige und erfolgreiche Beziehungen“.

Die Auswirkungen auf den Dax-Konzern selber hielten sich den Aussagen des Sprechers zufolge in Grenzen. „Wir bekennen uns weiterhin zu dem britischen Markt und unseren Kunden im Vereinigten Königreich“, sagte der Sprecher. Kurzfristige Marktturbulenzen träfen die Finanzanlagen des Versicherers nicht wesentlich, da die Investitionen des Versicherers breit gestreut seien.

Der Chefökonom des weltgrößten Rückversicherers Munich Re, Michael Menhart, reagierte weniger gelassen auf das Votum. „Die Entscheidung des britischen Volkes ist ein schwerer Schlag für die EU“, sagte er in einem ersten Statement am Freitag. Das britische Wachstum wird dem Munich-Re-Ökonom zufolge bis 2018 jährlich um etwa einen Prozentpunkt niedriger ausfallen. „Auch das Wirtschaftswachstum in der EU wird leiden, wenn auch in geringerem Umfang“, so Menhart.


Ifo-Präsident Clemens Fuest bezeichnete die Entscheidung der Briten am Freitag in einer Stellungnahme für sein Forschungsinstitut als eine „eine Niederlage der Vernunft“. „Die Politik muss jetzt alles tun, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen“, sagte Fuest weiter. Dazu gehöre es, sicherzustellen, dass Großbritannien so weit wie möglich in den Binnenmarkt integriert bleibe.

„Es ist wichtig, die Verhandlungen darüber möglichst schnell zum Abschluss zu bringen, damit die Phase der Unsicherheit über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen möglichst kurz bleibt.“ Nach Meinung des Ifo-Instituts muss Großbritannien infolge des EU-Ausstiegs mit einem Minus in der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts von mehr als 2 Prozent rechnen, Deutschland mit etwa minus 0,4 Prozent. Fuest lehrte einst als Professor in Oxford.

Die Entscheidung der Briten für „Leave“ hat allerdings wohl noch weiterreichende Folgen, etwa für europäische Organisationen. So hat bereits die Europäische Bankenaufsicht angekündigt, ihren bisherigen Hauptsitz in London zu schließen. „Wenn sich die Briten für einen Austritt aus der EU entscheiden, müssten wir tatsächlich in eine andere europäische Hauptstadt umsiedeln“, sagte der aus Italien stammende Chef-Bankenaufseher Andrea Enria der Welt am Sonntag.

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