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Chris Hohn will Adidas-Aktie antreiben

Chris Hohn zwang einst die Deutsche Börse in die Knie. Jetzt will sich der Brite angeblich das Management von Adidas vorknöpfen. Ein Porträt des rebellischen Investors.

Chris Hohn verhinderte einst die Übernahme der Londoner Börse durch die Frankfurter Konkurrenz. Trifft es zu, was das Manager Magazin vor wenigen Tagen schrieb, dürfte die Erfahrung der Deutschen Börse auch für ein anderes deutsches Unternehmen wichtig werden.

Demnach bereitet der von Hohn geführte Hedgefonds The Children's Investment Fund (TCI) zusammen mit anderen prominenten Aktivisten eine Attacke auf den Sportartikelkonzern Adidas vor.

Der Aktienkurs der Herzogenauracher hat zuletzt geschwächelt wie kein anderer Dax-Wert. TCI und andere Investoren - angeblich auch Third Point, der Fonds des New Yorker Investors Daniel Loeb - sollen dazu nun sogar Kontakt zu Anwaltskanzleien aufgenommen haben. Kommentieren wollten sie die Pläne gegenüber dem Manager Magazin jedoch nicht, Investor Loeb hat ein Interview mit dem aktionaersforum in New York abgelehnt.

© Adidas

Dass es einen Dax-Konzern trifft, wäre nicht alltäglich in Corporate Germany. Doch das, was Adidas zu bieten hat, ist ein idealer Nährboden für Aktivisten wie Chris Hohn: Probleme im Russlandgeschäft, Schwierigkeiten in der Golfsparte, die Gewinnprognose gesenkt, der Aktienkurs im Keller.

Die Investoren fordern nun offenbar die Ablösung von Vorstandschef Herbert Hainer, den sie für die jüngsten Probleme des Konzerns verantwortlich machen.

Kein Wunder, dass die Nachricht von Adidas und Chris Hohn - der am Finanzplatz Frankfurt vor allem wegen seiner Schlacht gegen die Deutsche Börse nachhaltig in Erinnerung ist - den Kurs in den vergangenen Tagen gleich deutlich steigen ließ.

Doch wer ist dieser Mann, der Dax-Konzerne das Fürchten lehrt? Fakt ist, dass er zu den wenigen einflussreichen Aktivisten europäischer Provenienz zählt, einer Disziplin, die bislang von US-Spielern beherrscht wird.

Fakt ist auch, dass er in den vergangen Monaten vor allem mit seiner Scheidung Schlagzeilen machte, die als teuerste Trennung der britischen Geschichte in die Annalen eingehen dürfte.

Abgesehen davon ist nur wenig bekannt über den Rebellen, rein äußerlich Typ Harry Potter, der das Jungenhafte auch als Mittvierziger noch nicht abgelegt hat. Halbjamaikaner ist er, und 1967 im britischen Addleston geboren. Er gilt als unprätentiös und zurückhaltend, trägt gerne Rucksack und fährt im staugeplagten London auch schon mal mit der U-Bahn.

Seine Ex-Frau Jamie Cooper, mit der er vier Kinder hat, taxierte sein Vermögen im ungewollt öffentlichen Scheidungskrieg jüngst auf 1,6 Milliarden Dollar. Er hielt dagegen, seine Beteiligung an TCI sei allenfalls 100 Millionen Dollar wert. Einen beträchtlichen Teil seines Vermögens hat er in den vergangenen Jahren an Kinder in der dritten Welt gespendet.


Kurz vor der Finanzkrise hatte er einen seiner letzten großen Coups: Da nervte er die niederländische Bank ABN Amro so lange mit der Forderung nach einer höheren Dividende, bis sich das Geldhaus schließlich in die Arme des britischen Rivalen Barclays flüchten wollte, am Ende aber feindlich für 72 Milliarden Euro von drei anderen Konkurrenten übernommen und zerschlagen wurde.

© Adidas

Aber auch in jüngster Zeit war er nicht untätig: In Großbritannien beteiligte er sich nach deren Börsengang an der britischen Post Royal Mail, um dort Kostensenkungen durchzusetzen. Zuletzt griff er zudem den Luftfahrtkonzern Airbus (EADS) an, verlangte den Verkauf der Beteiligung am französischen Unternehmen Dassault, prallte aber vorläufig an Vortstandschef Tom Enders ab.

Und: Seit geraumer Zeit streitet er sich mit der japanischen Regierung sowie dem Management des japanischen Stromversorgers J-Power.

Doch richtig bekannt wurde Hohn mit seiner Schlacht gegen die Deutschen Börse. Es war 2005, als er gut ein Jahr nach der Gründung seines eigenen Hedgefonds erstmals gezeigt hat, wie weit auch in Deutschland die Macht von Aktivisten reichen kann:

Noch im Januar 2005 sonnte sich der damalige Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert auf dem Neujahrsempfang der Deutschen Börse Pfeife rauchend in seinem avisierten Erfolg, der Übernahme der London Stock Exchange (LSE), umringt von den Aufsichtsräten, die kurz zuvor den Übernahmeplänen zugestimmt hatten.

Doch da war das Unheil längst im Anmarsch: Zwei Tage zuvor hatte Chris Hohn aus seinem Büro im Londoner Stadtteil Mayfair die Nachricht abgesetzt, dass er beim Aktienkauf die 5-Prozent-Hürde genommen hatte und eine außerordentliche Hauptversammlung beantragen werde. Dort wolle er über die aus seiner Sicht überteuerte Transaktion der Börse abstimmen und stattdessen die Ausschüttung der Kriegsreserve verlangen.

Ein unerhörtes Begehr!


Doch statt nun Diplomatie walten zu lassen, ignorierten Seifert und die hinter ihm stehenden großen deutschen Banken den Hedgefonds-Angreifer und stellten ihn auf eine Stufe mit meckernden Kleinaktionären. War doch die Übernahme der London Stock Exchange (LSE) aus seiner Sicht längst schon ausverhandelt.

© Adidas

Was folgte, war eine monatelange, verbissene Schlacht, Mann gegen Mann, Seifert gegen Hohn, die der rund um die Uhr erreichbare Hedgefonds-Manager auch medial ausfocht. Das Motto: Der Börsenchef gegen „die Heuschrecke", wie Seifert seinen Widersacher in Anlehnung an das wenige Jahre zuvor von Franz Müntefering geprägte Bild stets nannte.

Doch es half nichts: Auf einer denkwürdigen Hauptversammlung, auf der Hohn im Hintergrund die Dinge steuerte, persönlich aber nicht in Erscheinung trat, entzog die Mehrheit der Aktionäre Seifert die Rückendeckung, er musste ebenso gehen wie sein Aufsichtsratschef Rolf Breuer.

Den deutschen Konzernlenkern dürften die Ereignisse in lehrreicher Erinnerung geblieben sein, denn Seifert und Breuer - so der Schluss der meisten Beobachter - hatten es versäumt, ihre Pläne zu erklären. „Heute würde man kommunikativ vieles anders machen als damals bei der Deutschen Börse", sagt ein auf aktivistische Investoren spezialisierter Anwalt.


Chris Hohn jedenfalls hat es nicht geschadet: Während der Finanzkrise zwar zeitweise totgesagt, gehört TCI seither zur Topliga der Aktivsten. Der Hedgefonds-Fachdienst Preqin rangiert seinen Fonds „Children's Investment Master Fund" mit einem Volumen von 8,2 Milliarden Dollar auf Platz vier der weltweit größten Aktivisten-Fonds nach zwei Vehikeln von Elliott und einem von Cevian.

Zudem kann sich seine Rendite bislang offenbar sehen lassen, zumindest 2013 als sein Fonds mit gut 40 Prozent das beste Ergebnis aller Aktivisten-Fonds erreichte. Dabei verdankte er diese weniger den öffentlichen Attacken, als vielmehr Investments etwa in den Tabakkonzern Japan Tobacco oder in Rupert Murdochs Filmimperium 21st Century Fox.

Auch Aktien der im Oktober 2013 privatisierten Royal Mail trugen dazu bei, dass der Fonds so gut abschnitt. Der Aktienkurs der britischen Post hatte sich bis Ende 2013 fast verdoppelt.

An der Deutschen Börse ist TCI heute - nach öffentlich zugänglichen Informationen - nicht mehr beteiligt. Ob die Entscheidung, die Übernahme in London damals zu torpedieren, richtig war, lässt sicher viele Antworten zu. Die Aktie des Dax-Konzerns notiert seit der Schlacht jedenfalls immer noch mehr als doppelt so hoch wie in den Zeiten davor.

Bei Adidas werden sie die Ereignisse von damals nun sicherlich genau studieren.

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Der 'Beste Geschäftsbericht 2016'
von

Sieger eines traditionsreichen Wettbewerbs: In Frankfurts Börse wurden Unternehmen mit Topgeschäftsberichten prämiert. Die Gewinner des Jahres 2016 sind Adidas, DMG Mori, United Internet sowie Wüstenrot.