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Bilfinger schrumpft sich weiter zum Kerngeschäft

Der Mannheimer MDax-Konzern Bilfinger hat sich von einer seiner drei Geschäftssäulen getrennt. Das Segment Building and Facility geht an den Finanzinvestor EQT. Damit ist die Schrumpfkur allerdings noch nicht beendet.

Der Vorstand der Bilfinger SE hat am Mittwoch, 2. Juni, bekanntgegeben, sich für einen Verkauf des Segments Building and Facility an den schwedischen Finanzinvestor EQT entschieden zu haben. Der Kaufpreis beträgt rund 1,2 Milliarden Euro, womit die Konzerneinheit den Angaben Bilfingers zufolge mit rund 1,4 Milliarden Euro bewertet wird.

© Bilfinger

Das Geschäft mit der technischen Einrichtung, Verwaltung und Bewirtschaftung von Gebäuden stand seit längerem zum Verkauf. EQT war Bilfinger zufolge einer von mehreren Bietern.

Die Vereinbarung ist indes kompliziert. Sie beinhaltet zwei Kaufpreiskomponenten, die erst dann zu zahlen sind, wenn EQT die ehemalige Bilfinger-Konzerneinheit weiterverkauft. So stunden die Mannheimer den Schweden einen Teil des Kaufpreises in Höhe von 100 Millionen Euro, der zum Zeitpunkt des Weiterverkaufs mit 10 Prozent pro Jahr verzinst wird. Zum anderen wird ein weiterer Teil des Kaufpreises in Höhe von rund 200 Millionen Euro in eine Earn-out-Klausel verpackt, wodurch Bilfinger mit 49 Prozent am Wiederverkaufserlös von EQT beteiligt sein wird. Bilfinger verbleibt den eigenen Angaben zufolge ein bilanzieller Veräußerungsgewinn auf Konzernebene von voraussichtlich rund 500 Millionen Euro.


„Der Verkauf des Segments schafft für Bilfinger den größten Wert und eröffnet neue Perspektiven", sagte Finanzvorstand Axel Salzmann im Zuge der Verkündung des Deals. Mit zusätzlicher Liquidität werde der Konzern die eigene Position als Marktführer für Industriedienstleistungen in der Prozessindustrie durch gezielte Akquisitionen und Zukunftsinvestitionen ausbauen.

An der Börse sahen das die Anleger offenbar ähnlich. Die Aktie legte am 2. Juni nach einem Xetra-Eröffnungskurs von 37,70 auf bis zu 41 Euro zu, verlor dann allerdings wieder an Fahrt und schloss bei 39,48 Euro, was einer Marktkapitalisierung von rund 1,75 Milliarden Euro entspricht.

© Bilfinger

Es gilt als ausgemacht, dass Bilfinger die Verkaufserlöse in Zukäufe stecken wird, die wiederum das Kerngeschäft rund um Industriedienstleistungen stärken sollen. Der Konzern selbst nennt dabei vor allem die Branchen Pharma, Chemie und den Lebensmittelbereich als potenzielle Akquisitionsfelder.

Vor dem dritten Quartal wird es indes kaum zu entsprechenden Investitionsentscheidungen kommen. Denn der künftige Vorstandschef, der ehemalige Linde-Manager Tom Blades, steht voraussichtlich erst zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung.

Dem Chefwechsel vorausgegangen war der überraschende Rücktritt Per Utnegaards als Bilfinger-Chef im April dieses Jahres. Der Norweger war auf Vorschlag des schwedischen Bilfinger-Großaktionärs Civian an die Spitze des Konzerns geholt worden. Civian hält rund 26 Prozent an Bilfinger.

Diese Personalie war nicht der Rückschlag des MDax-Konzerns. Bilfinger hatte sich erst 2015 von seinem damaligen Chef Roland Koch getrennt. Nach einer Serie von Gewinnwarnungen musste der ehemalige hessische Ministerpräsident an der Bilfinger-Spitze aufgeben.


Vom neuen Konzernchef Blades wird vor allem erwartet, dass er den Konzentrationsprozess hin zum künftigen Kerngeschäft der Industriedienstleistungen fortsetzt. Bilfinger bezeichnet sich selbst als der „führende Dienstleister für die Prozessindustrie in Europa“. Der Fokus liegt dabei auf den Sektoren Pharma, Chemie, Energie sowie Öl und Gas. Wobei sich die Mannheimer eigenen Angaben zufolge dahingehend von den meisten Wettbewerbern unterscheiden, dass sie ihren Kunden Service-Leistungen für den gesamten Lebenszyklus ihrer Anlagen bieten. Die Expertise reiche vom Consulting, Engineering, Fertigung und der Montage bis hin zu umfassenden Instandhaltungskonzepten und deren Umsetzung.

© Bilfinger

Im Segment Industrial beschäftigt Bilfinger derzeit weltweit rund 31.000 Mitarbeiter, konzernweit sind es rund 56.000 Beschäftigte. Die Leistung im Segment Industrial liegt bei rund 3,65 Milliarden Euro, konzernweit waren es zuletzt rund 5 Milliarden Euro.

Blades wichtigste Aufgabe wird es ab der zweiten Jahreshälfte sein, den Mitte 2015 noch von Vorgänger Utnegaard angestoßenen Veräußerungsprozess des Konzernsegments Power, also das Kraftwerkgeschäft, voranzutreiben. Dass sich hier ein größerer Deal ergeben könnte, so wie jetzt im Falle des Segments Building and Facility, gilt inzwischen als unrealistisch. Bilfinger selbst kündigt daher an, verstärkt Einzelverkäufe zu verfolgen, anstatt sich auf den Gesamtverkauf zu konzentrieren.


Entsprechend hat die Konzernführung nun auch entschieden, das Segment Power wieder als fortzuführende Aktivität zu bilanzieren.

Im Geschäftsfeld Power rechnet Bilfinger wegen des verhaltenen Auftragseingangs für 2016 dabei erneut mit einem deutlichen Rückgang der Leistung (Vorjahr: 1.284 Millionen Euro). Das bereinigte Ebitda, also der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen, werde sich hingegen durch positive Effekte aus Kapazitätsanpassungen, ein besseres Risikomanagement sowie geringere Projektverluste „deutlich verbessern“. Nach Vorjahresverlusten von 70 Millionen Euro rechnet die Konzernführung hier jedoch auch 2016 mit einem Verlust.

Im künftigen Kerngeschäft Industrial geht Bilfinger wegen der Nachfrageschwäche im Öl- und Gasbereich sowie auslaufender Projekte für 2016 ebenfalls von einem deutlichen Rückgang der Leistung aus, nach 3,65 Milliarden Euro im Vorjahr. Für das bereinigte Ebitda erwartet das Unternehmen aufgrund positiver Effekte aus Programmen zur Effizienzsteigerung und Prozessoptimierung eine höhere Marge und einen Wert auf Vorjahresniveau von rund 128 Millionen Euro.

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Bilfinger schrumpft sich weiter zum Kerngeschäft
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Der Mannheimer MDax-Konzern Bilfinger hat sich von einer seiner drei Geschäftssäulen getrennt. Das Segment Building and Facility geht an den Finanzinvestor EQT. Damit ist die Schrumpfkur allerdings noch nicht beendet.

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