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Aktivisten unter dem Mantel des Value-Investors

Scheinbar ändern Aktivistien ihre Strategie, wenn sie Beteiligungen eingehen. Plötzlich scheint Geduld eine Rolle zu spielen, so beim Einstieg bei Alibaba. Doch der Glanz des Value-Investors trügt.

Der Hedgefonds-Aktivist Daniel Loeb hat es getan. Investorenlegende George Soros ebenfalls. Beide haben im dritten Quartal in größerem Umfang Aktien von Alibaba gekauft. Und sie sind nicht allein: Hedgefonds sichern sich serienweise Aktienpakete von „BABA", wie das Kürzel der Aktie auf der Kurstafel heißt. Und zwar so kräftig, dass es aktenkundig wird.

Anhand der sogenannten „13F“-Berichte, die Investoren und Vermögensverwalter mit mehr als 100 Millionen Dollar Anlagevermögen jedes Quartal an die US-Börsenaufsicht einreichen, lässt sich das Ausmaß bereits beziffern: Viking Global beispielsweise hat mittlerweile mehr als elf Millionen BABA-Aktien gekauft, Third Point von Daniel Loeb 7,2 Millionen Anteilsscheine.

Auch Janus Capital, Tiger Management und Hedgefondslegende John Paulson konnten nicht widerstehen und griffen zu – der chinesische Internetkonzern, seines Zeichens größter Onlinehändler der Welt, hat seit September 2014 bis Ende April 2015 also nicht nur die Kapitalmärkte insgesamt mit dem größten IPO der Börsengeschichte elektrisiert, sondern auch die Hedgefonds-Manager unter den Investoren.

© alibabagroup.com

Das ist nicht ohne Wirkung auf den Alibaba-Aktienkurs geblieben: Der Wert der Alibaba-Titel ist seit dem Börsengang vor zwei Monaten um rund 70 Prozent gestiegen.

Kurzfristig zumindest haben die Hedgefonds mit ihrem Engagement also ein gutes Gespür bewiesen. Doch war der kurzfristige Gewinn das alleinige Motiv für den Einstieg der Aktivisten in Alibaba?

Normalerweise streben die Treibjagdinvestoren Strategiewechsel, Veränderungen im Management, oder den Rückkauf von Aktien an. Doch bei dem chinesischen Unternehmen können sie all dies nicht erzwingen. Denn Alibabas Aktionärsstruktur schiebt Angriffen einen Riegel vor, durch den bei dem Onlinehändler nur wenige Insider das Sagen haben. Warum dann der Einstieg der aktivistischen Investoren bei Alibaba?

Der Verdacht liegt nahe, dass die ersten Hedgefonds nach einer fulminanten Erfolgssträhne, in deren Verlauf selbst Giganten wie Apple, Ebay und Microsoft zu Umbesetzungen, Spinoffs und Chefwechseln gezwungen wurden, jetzt ihre Kampagnen neu ausrichten.

Das wäre zwar eine Zäsur nach einer langen Serie von Attacken, bei denen selbst die Giganten des US-Leitindex Dow Jones Industrial ins Visier der renitenten Aktionäre gerieten. Eine Überraschung wäre die Neubesinnung allerdings nicht. Denn die Ära der Minizinsen, in der die Fonds mit Billigkrediten schnelle Räder drehen konnten, geht langsam zu Ende.

Daniel Loeb hat seinen Einstieg bei Alibaba dann auch so begründet: „Das Unternehmen hat einige unterbewertete Anteile, darunter sein Cloudgeschäft und die Bezahldienste.“ Im Investorenrundbrief an die treue Klientel bezeichnete Loeb im dritten Quartal Alibaba als „mehrjähriges Investment mit beeindruckendem Potenzial.“

Bei Alibaba lockt vor allem die Aussicht, „dass die Aktie in den kommenden drei Jahren ihren Kurs mehr als verdoppeln kann", sagt auchs Mark Yusko vorher, Chef des Vermögensverwalters Morgan Creek Asset Management.


Werden aus Aktivisten, die bisher ganz überwiegend Zoff, zügige Strategiewechsel und schnelle Rendite suchen, jetzt also Value-Investoren, die mit Geduld an strategische Ziele herangehen? Die mehr auf die Bewertungs- und die langfristigen Perspektiven achten?

Das eher nicht. Aber die Hedgefonds-Investoren sehen in Alibaba einen riesigen Konzern, den man auch als Sammelsurium profitabler Einheiten mit glänzenden Aussichten auf rasante Wertsteigerung verstehen kann. Warum sollte man die nicht mitnehmen, ohne dafür die üblichen Grabenkriege und Hauptversammlungsschlachten gegen mauernde CEOs und Aufsichtsräte in Kauf nehmen zu müssen?

Bei Alibaba locken binnen kurzer Zeit Renditen, die sonst nur in unappetitlichen Reklameschlachten, oder mühseligen und monatelangen Verhandlungen erkämpft, oder vor Gericht erstritten werden können.

© Walmart

Die Wucht der Entwicklung bei Alibaba wird durch einen vielsagenden Vergleich deutlich: Mit 328 Milliarden Dollar Umsatz in den vergangenen zwölf Monaten nähert sich der chinesische Aufsteiger mit hohem Tempo dem 480-Milliarden-Dollar-Umsatzrekord von Walmart. Beim Nettogewinn hat Alibaba mit 6,3 Milliarden Dollar schon fast halb so viel erreicht wie der weltweit größte Einzelhändler in den USA.

Der Unterschied ist freilich: Alibaba konnte seinen Gewinn binnen Jahresfrist verdoppeln, während Wal-Mart weniger Nettogewinn ausweist, als in den vergangenen drei Finanzjahren.

Alibaba kann sogar mit Geschäftsteilen aufwarten, die selbst ohne Druck von Aktivisten schon bald ausgegliedert werden dürften. Denn der neue Internet-Champion aus dem Schwellenland China braucht massiv Kapital für die geplante globale Expansion.

Loeb und Co. denken da vor allem an die Bezahlplattform Alipay, die vielversprechenden Logistikaktivitäten im Warenhaus-Joint Venture „China Smart Logistics“ sowie an das Cloud-Business Aliyun. Das wird derzeit mit zusätzlichen Funktionen gespickt und legte beim Umsatz im ersten Halbjahr satte 43 Prozent zu. Wird eine dieser Einheiten – oder mehrere – an die Börse gebracht, dürften dann doch schnelle Kursgewinne bei Alibaba und Anteile an den ausgegliederten Firmen möglich sein.


Sollte das der Grund für den Einstieg der Aktivisten bei Alibaba sein, wäre also alles andere als der große Kurswechsel der aktivistischen Aktionäre zu bestaunen. Ihre Strategie bliebe kurzfristig ausgerichtet, und eben nicht auf den langfristigen Geschäftserfolg zielend.

Allerdings: Die Hedgefonds befinden sich auch in einer späten Phase dessen, was man als Optimierungs-Zyklus bezeichnen könnte. Die Zahl der Unternehmen, die mit Strategiewechseln flottgemacht werden können, hat mit der Erfolgswelle der Aktivisten abgenommen - es gibt schlicht nicht mehr so viele lohnende Ziele.

© istock / Jason Doiy

Das führte in den vergangenen Monaten dazu, dass eine wachsende Zahl von Hedgefonds-Managern der renitenten Sorte Zielfirmen zur Aufspaltung drängten, um ihre Renditen zu steigern: Carl Icahn etwa brachte Ebay dazu, seine Cash-Kuh PayPal abzuspalten, Hewlett-Packard spaltet sich auf. Und aktuell drängt Elliott Management den Techriesen EMC Corp. zum Split seiner Geschäfte.

Doch jetzt, wo an den Börsen die Volatilität wieder zunimmt kommt der nächste Schritt. Das Geld muss mehr in Wachstumsfirmen gesteckt werden, die auch eine kräftige Korrektur – oder gar die nächste Finanzkrise – besser als die meisten anderen überstehen können. Denn auch aktive Hedgefonds-Manager fragen sich immer öfter, ob an den Börsen das Ende der Fahnenstange vorerst erreicht ist.

Kein geringerer als Paul Singer, der Gründer und Präsident von Elliott Management, zweifelt öffentlich die offiziellen US-Wachstumszahlen an und sagt, „niemand kann vorhersagen, wie lange Regierungen ungestraft mit getürkten Wachstumszahlen, manipuliertem Geld, frisierten Arbeitsmarktberichten und übertriebenen Einkommensstatistiken durchkommen."

In diesem Lichte betrachtet, sieht Alibaba blendend aus: Das Unternehmen kommt aus dem bevölkerungsreichsten Schwellenland mit der weltweit größten Internetgemeinde und einer rasenden Digitalisierung. Und Alibaba verdient zu Beginn seiner Internationalisierung erst 11 Prozent der Verkaufserlöse jenseits von China.

Sind aus Aktivisten also doch Value-Investoren geworden? Ja, könnte man sagen, aber sicher nur zum Teil.