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Superinvestor Icahn unter Versagens-Verdacht

Erfolg für Carl Icahn: Nachdem er Ebay zum Verkauf seiner Tochter PayPal drängte, hat dort sein Widersacher und Ebay-Aufsichtsrat Mark Andreessen aufgegeben. Das große Investorenglück scheint Icahn dennoch zu verlieren.

Das Pöbeln hat ein Ende. Die öffentlichen Interviews voller Beschimpfungen und gegenseitigen Beleidigungen sind vorbei: Mark Andreessen, Silicon-Valley-Legende und sechs Jahre Aufsichtsrat bei Ebay, hat seinen Kontrolleursjob hingeschmissen. Gegen Ebay-Investor Carl Icahn war er nicht mehr angekommen.

Die Vorwürfe Icahns hatten dem Netscape-Gründer und Internet-Pionier zu stark zugesetzt. Andreessen habe „mehr Leute betrogen als einst Casanova“, so hatte Icahn zuvor in einem Interview mit Bloomberg ausgeteilt. Und egal was Andreessen sage, verstehen könne man ihn ohnehin nicht. Seine quietschige Stimme seien nur Hunde in der Lage zu hören.

Der Rückzug seines Widersachers Andreessen ist der zweite Erfolg Icahns bei Ebay binnen weniger Wochen. Zuvor hatte er das E-Commerce-Unternehmen so lange madig gemacht, bis es tatsächlich die Abspaltung seiner wertvollen Bezahldiensttochter PayPal bekanntgab.

Daran dass der Superinvestor mit seinen lauthalsen Aktionen in den kommenden Monaten weitere Erfolge feiern kann, zweifeln mittlerweile allerdings immer mehr Kommentatoren und Analysten.


So gibt der Einstieg Icahns beim kanadischen Öl- und Gasunternehmen Talisman der Wall Street zunehmend Rätsel auf. Seit der Aktivist am 7. Oktober 2013 ein Aktienpaket von Talisman erworben hat und damit zweitgrößter Investor wurde, verlor die Aktie des Unternehmens fast 35 Prozent an Wert. Dabei tat das Unternehmen, was Icahn wünschte: wieder einmal den Verkauf von Unternehmensbesitz zu beginnen. Doch Talisman hat mit seinen Verkaufsversuchen kein Glück. Der sinkende Ölpreis hat bisher wohl den Verkauf von Ölfeldern verhindert.

Die ersten Beobachter fragen sich, ob der streitbare und einflussreiche Hedgefonds-Mann die besten Zeiten hinter sich hat und ein Auslaufmodell zu werden droht. Talisman jedenfalls wurde mit Blick auf das Icahn-Engagement kürzlich in einem Bloomberg-Bericht sogar als „Verlierer-Firma“ bezeichnet. Und zumindest für den Zeitraum seit Icahns Einstieg ist diese Einschätzung nicht ganz von der Hand zu weisen.

Icahn ist mit dem zweitgrößten Aktienpaket und zwei Sitzen im Aufsichtsrat zwar eine Großmacht bei Talisman, konnte aber den scharfen Kursrutsch in den vergangenen zwölf Monaten nicht verhindern. Denn Talisman-Chef Hal Kvisle schreibt mit seinen Nordsee-Anlagen Verluste. Die Nettoschulden liegen beim 2,8-fachen des Cashflows und somit doppelt so hoch wie im Branchenschnitt. Strategische Alternativen für das hoch verschuldete Unternehmen scheinen sich trotz des Drängens und der Ungeduld Icahns nicht realisieren zu lassen. „Die Zeit ist nicht auf deren Seite“, sagt dazu Analyst Chris Feltin bei der Macquarie-Gruppe in Calgary.

Icahn hat offenbar nicht die vom Frackingboom in den USA mitverursachte globale Ölschwemme in seine strategischen Überlegungen einbezogen. Dabei setzt Amerikas Ölboom insbesondere Kanadas Ölfirmen unter Druck, die ihre Hauptkunden oftmals in den USA haben. Doch mittlerweile fördern die USA eben mehr als genug Öl selbst, die Nachfrage der USA nach kanadischen Öllieferungen fällt entsprechend. Das hat phasenweise zu einem Preisabschlag für kanadisches Öl um bis 15 Prozent gegenüber den Benchmark-Notierungen auf dem Weltmarkt geführt. Auch darunter litt das kanadische Ölunternehmen Talisman.


Vielleicht hätte Icahn stutzig machen können, dass sich vor zwei Jahren schon einmal ein Hedgefonds-Aktivist an Talisman die Zähne ausgebissen hatte. Der West Face Capital-Fonds in Toronto drängte im Jahr 2012 auf Veränderungen bei den Kanadiern, zog aber die Reißleine, als mit Kvisle ein neuer CEO ernannt wurde und der Talisman-Aktienkurs zu steigen begann.

Auch Spaniens größter Ölproduzent Repsol hatte vor zwei Monaten Abstand von einer möglichen Übernahme des 8,4 Milliarden Dollar teuren kanadischen Energieunternehmens genommen. Icahn zog dennoch in den Kampf.

„Carl Icahn hat den Ruf, sein großes Mikrofon einzusetzen um Techunternehmen, deren Geschäft er nicht versteht, soweit zu kriegen, dass sie etwas tun, was er will.“
Forbes Magazine

Die Kritik an Icahn und die Zweifel an seinem Investorenhändchen jedenfalls ist seitdem angeschwollen. Eine Attacke auf das US-Technologieunternehmen Apple macht sie nun so richtig hörbar. „Carl Icahn hat den Ruf, sein großes Mikrofon einzusetzen um Techunternehmen, deren Geschäft er nicht versteht, soweit zu kriegen, dass sie etwas tun, was er will“, hieß es dann kurz darauf im Magazin "Forbes", das den Milliardär regelrecht vorführte. Sein Erfolg sei „lediglich der Fähigkeit zu verdanken, andere große Investoren zum Nachahmen zu verleiten. Und nicht einer tiefen Einsicht, wie eine bestimmte Firma mit ihren Produkten Marktanteile gewinnen kann.“

Icahn habe diese Kritik mit einem 5232 Wörter langen Brief an Apple regelrecht provoziert, sagen Wall Street-Insider. Darin hatte die Hedgefonds-Legende am 10. Oktober zu Protokoll gegeben, Apple sei 203 Dollar je Aktie wert; an jenem Börsentag hatte die Aktie des Tech-Unternehmens den Handel allerdings gerade einmal bei knapp 101 Dollar beendet.

Icahns Prognose lag offenbar die Annahme zugrunde, dass Apple seinen Umsatz um satte 80 Prozent bis zum Jahr 2017 steigern könne. Dass dieses Unterfangen keine Selbstverständlichkeit ist, haben ihm seither zahlreiche Analysten vorgerechnet.

Auch die Verkaufszahlen des iPads, die Icahn in seiner Postsendung an Apple unterstellte, sind vielen Analysten ebenfalls viel zu optimistisch. Das Gleiche gilt für den gerade gestarteten Verkauf der Apple Watch. Um bis zum Jahr 2015 davon rund 20 Millionen Exemplare zu verkaufen, wie Icahn erwartet, müsste das Unternehmen laut Forbes seinen globalen Marktanteil gegen Konkurrenten wie die Pebble Smart Watch, die Samsung Galaxy Gear und die Sony Smart Watch binnen weniger Monate von Null auf 59 Prozent hochschrauben. „Auf der Basis der Umsätze, die wir sehen, wissen wir schlicht nicht, wie Apple dieses Ziel erreichen soll“, sagt Alex Gauna, Analyst beim Brokerhaus JMP Securities.


Noch ist es nicht ausgemacht, ob Icahn mit Apple den nächsten Fehlschlag produzieren wird. Und auch nicht, ob dem bisherigen Superinvestor das Investorenhändchen abhandengekommen ist. Sollte Icahn aber auch mit seinen neuen Wetten ein schlechtes Gefühl oder Timing beweisen, könnte das Wall Street Journal einen Artikel vom 1. August 2008 wieder ausgraben. Darin wurde unter der Überschrift „Warum Icahn schlecht für Investoren ist“ angeführt: „Hedgefonds wollen schnelles Geld machen. Sie drängen auf Strategien, die den Aktienkurs kurzfristig anheben, aber die langfristigen Aussichten eines Unternehmens eintrüben.“