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Billiges Geld treibt das Dividendenrennen an

Deutschlands Konzerne schütten Dividenden in nie gekannter Milliardenhöhe aus - was das Verlangen der Aktionäre aber nicht zügelt. Sie machen noch mehr Druck auf die Manager.

Goldene Fallschirme, Boni und steigende Bezüge für das Management. Höhere Dividenden und Aktienrückkäufe zu Gunsten der Aktionäre – der Verteilungskampf um die Erträge börsennotierter Unternehmen ist hart. Aber es scheint, dass die Aktionäre die Oberhand gewinnen, ohnehin begünstigt durch den Vormarsch der Aktivisten.

Jetzt beschleunigt billiges Notenbankgeld den Trend.

Wer dieser Tage die Wirtschaftsblätter liest, kann sich dieses Eindrucks nicht mehr erwehren. Die Deutsche Telekom beispielsweise will ihre Dividende in den Jahren von 2015 bis 2018 um jährlich 10 Prozent steigern. Volkswagen erhöht die Ausschüttung an die Anteilseigner um 20 Prozent. Allianz, Daimler und BASF geben in Sachen Dividenden ebenfalls Gas. Und der Baukonzern Hochtief hebt nicht nur die jährliche Dividende an, sondern bietet auch noch eine Sonderausschüttung.

Auf der anderen Seite des Atlantiks ist dieser Trend noch ausgeprägter. Der Autokonzern General Motors will in Kürze 25 Milliarden Dollar zusätzlich aufwenden, um die Investoren mit einer erhöhten Dividende oder Aktienrückkäufen zu beglücken. Der Konzern reagiert damit auf wachsenden Druck, den der frühere Finanzbeamte Harry Wilson ausübt. Er vertritt vier Hedgefonds mit Aktienpaketen von General Motors. „Wir hoffen sehr, dass GM das Richtige machen wird", sagt Wilson mit drohendem Unterton, „das Unternehmen wird von den Aktionären als schwer zugänglich eingeschätzt."

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Derartige Breitseiten von Aktionären gegen das Management bekannter und großer Publikumsfirmen sind in diesen Tagen die Regel. Zum Beispiel Apple: Kaum hatte der iPhone-Hersteller im Februar 2015 die magische Zahl von 700 Milliarden Dollar Kapitalisierung nach oben durchbrochen, da schrieb der Aktivist Carl Icahn auf seiner Webseite „Shareholders Square Table" einen offenen Brief. Icahn forderte von Apple-Chef Tim Cook, dieser könne noch viel mehr tun, um den Kurs der Aktie nach oben zu treiben.

„Wir glauben, dass der Markt die Aktie von Apple mit 216 Dollar bewerten sollte", so Icahn. Das wäre gemessen am Kurs vom 24.04.2015 ein Zuwachs von rund 68 Prozent. Schon im vergangenen Jahr hatte Apple unter dem Druck unzufriedener Aktivisten Rückkäufe für zehn Milliarden Dollar angekündigt und für die kommenden drei Jahre den Investoren 100 Milliarden Dollar Mehrwert versprochen, teils finanziert durch eine Firmenanleihe im Volumen von 17 Milliarden Dollar. Auch der Supermarkt-Club Costco hat im vergangenen Jahr drei Milliarden Dollar ausgeliehen, um eine Sonderdividende zu finanzieren.

„Etwas hat sich in der Welt der Firmenfinanzen gewaltig verändert."
J.W. Mason, Forscher, Roosevelt Institute (New York)

Mittlerweile wird klar: Das Machtverhältnis zwischen Managern und Aktionären verschiebt sich. „Etwas hat sich in der Welt der Firmenfinanzen gewaltig verändert", bemerkt J.W. Mason, ein Forscher am Roosevelt Institute in New York, der auch Wirtschaft am John Jay College der New York City University lehrt. Er sagt: „Wir sehen gewaltigen Druck seitens der Aktionäre, um jeden Dollar, der reinkommt, wieder auszuschütten."

Mason hat vor wenigen Tagen eine Studie vorgelegt, die eine Verschiebung im Machtverhältnis zwischen Management und Aktionären hin zu den letzteren belegt. Während sich die Schulden börsennotierter Firmen auf Rekordhöhe bewegen, belohnen die Firmen ihre Aktionäre laut Mason mit enormen Ausschüttungen. Dabei geht es nicht nur um Dividenden. Laut der Studie haben Publikumsfirmen in den USA seit 2004 satte 6,9 Billionen Dollar für Rückkäufe von Aktien ausgegeben.

Mason hat in seiner Studie das Verhältnis zwischen Cashflows, Gewinnen und Kapitalaufnahme untersucht und ins Verhältnis zu Investitionen und Ausschüttungen gesetzt. Das erstaunliche Ergebnis: Während in den 60er Jahren ein Dollar Schuldenaufnahme im Schnitt zu 40 Cent zusätzlichen Investitionen führte, sind es inzwischen nur noch 10 Cent. „Seit den 80er Jahren", so die Beobachtung von Mason, „sind die Firmen, die am meisten ausleihen, auch diejenigen, die am meisten an die Aktionäre ausschütten." Das geht zu Lasten von Investitionen und Innovationen, lautet die Botschaft der Untersuchung.

IBM wird darin als prominentes Beispiel genannt. „Big Blue" wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als innovatives Powerhaus gefeiert, das unter anderem die Kreditkarte, die Floppy-Disk und den Geldautomaten hervorbrachte. Doch das Unternehmen begann in den 90er Jahren angesichts schwächerer Geschäfte mit dem Abbau von 180.000 Arbeitsplätzen. Währenddessen seien die Aktionäre jedoch reichlich belohnt worden. Zwischen 2003 und 2012 habe das Unternehmen mit 130 Milliarden Dollar mehr an die Anteilseigner ausgeschüttet, als es an Gewinn erzielt habe. Im Jahr 2012 seien 34 Milliarden Dollar Schulden aufgenommen, aber 38 Milliarden an die Aktionäre ausgezahlt worden.

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Das billige Geld der Notenbanken habe diesen Trend in den vergangenen Jahren beschleunigt. Die Revolution der Aktionäre helfe sogar zu erklären, warum in den vergangenen Jahren selbst angesichts hoher Gewinne wenig investiert worden sei. Diese Kritik ist Wind auf die Mühlen jener, die den Vormarsch der Aktivisten und deren rasch wachsenden Einfluss auf die Strategie und das Ausschüttungsgebaren vieler Publikumsfirmen beklagen.

Doch dem Vormarsch der renitenten Aktionäre tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil. Auf der Webseite der Nasdaq wird das neue 52-Wochenhoch des Netzwerkspezialisten Cisco, nach einem Wertzuwachs für die Aktionäre in den vergangenen zwölf Monaten seit April 2014 von 41,3 Prozent, unter anderem so erklärt: „Der Kurszuwachs lässt sich auch auf Ciscos eindrucksvolle Dividende und Aktienrückkäufe zurückführen. Das Unternehmen hat im jüngsten Quartal die Dividende um 10 Prozent erhöht und 44 Millionen Aktien für umgerechnet 1,2 Milliarden Dollar zurückgekauft."

Dass die Aktionäre in vielen Firmen die Oberhand gegen das Management gewinnen, zeigt auch das Beispiel Citigroup. Die Bank hat gerade mit Blick auf ihre Hauptversammlung im April erklärt, sie wolle dem immer lauteren Ruf der Aktionäre nach besserem „proxy access" Folge leisten und es für Anteilseigner einfacher machen, Direktoren zu nominieren.

Demnach können künftig auf den Wahlzetteln, auf denen Vorschläge für den Aufsichtsrat aufgelistet werden, von kleineren Aktionären auch Kandidaten nominiert werden. „Das ist der Anfang einer großen Welle", sagt James McRitchie, ein Aktivist, der die Citigroup zu diesen Änderungen gedrängt hat. Auch General Electric hat Anfang Februar erklärt, es habe in seine Statuten ähnliche Änderungen aufgenommen.

Der Einfluss der Aktivisten steigt also, und damit wohl auch der Druck auf noch höhere Dividendenzahlungen in der Zukunft. Auch in Deutschland.