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Börsenstar Jim Cramer unter Beschuss

„Booyah!", schreit Amerikas Aktienguru, wenn er seine Zuseher in der TV-Show „Verrücktes Geld" begrüßt. Jetzt wird er selbst angeschrien: Er lasse sich unangemessene Summen auszahlen - zu Lasten von Aktionären.

Er ist eine Institution in Amerikas TV-Geschäft. Mit rundem Bauch, kahlem Kopf, funkelnden Augen und hoch gekrempelten Ärmeln brennt der 59-jährige Jim Cramer in jeder Folge seiner Sendung „Mad Money ein Feuerwerk ab. Aktienempfehlungen werden effektvoll von Bärengebrüll oder Schweinegrunzen untermalt, ein anderes Mal hört man Trucks tonnenweise Münzen ausleeren.

Cramer donnert auch gerne mit der Faust auf eine der vielen Kassen, die im Studio aufgestellt sind. Berühmt wurde er 2007 mit einem wohl inszenierten Wutausbruch im Fernsehen, als er dem damaligen Fed-Chef Ben Bernanke brüllend vorwarf, er habe „keine Ahnung, wie schlimm es da draußen aussieht." Das war ein Jahr vor Ausbruch der Finanzkrise. Und Cramer rief wütend ins Mikrofon: „Wir haben Armageddon in den Anleihemärkten, und die Fed schläft."

Cramer war Hedgefondsmanager, bevor er eine Ikone im Wirtschaftsfernsehen wurde. Und er hat noch einen anderen Job neben seinen donnernden CNBC-Auftritten. 1996 gründete er mit Freunden „The Street", ein an der Börse gelistetes Unternehmen für Finanzinformationen, bei dem er bis heute einer der Direktoren ist und mit 10 Prozent größter Aktionär. Cramer schreibt für die Webseite von „The Street" (Wall Street-Kürzel „TST") und taucht dort auch in Videos auf.

Doch jetzt hat ihn der zweitgrößte Aktionär bei The Street, der Hedgefondsmanager und Aktivist Carlo Cannell, mächtig angeschossen. Der Zoff um den Aktienguru Cramer ist in den vergangenen Wochen zu einer der unterhaltsamsten, aber auch bittersten Schlachten an der Wall Street geworden. Cannell stört sich daran, dass der Booyah!-Moderator Cramer viel Zeit und Energie in seine "Man Money"-Show auf CNBC investiert und deswegen seinen Job bei "The Street" vernachlässige.

Die Aktien von The Street waren vor dem Platzen der Dotcom-Blase bis zu 60 Dollar wert - das war vor fünfzehn Jahren. Jetzt werden sie an der Nasdaq für 2,42 Dollar gehandelt. Die Marktkapitalisierung beträgt aktuell 83 Millionen Dollar.

„Parfümierte Chauffeure und Assistenten sprühen ionisiertes Lavendelwasser auf deinen ausgedörrten Schädel."
Carlo Cannell, Aktivistischer Investor

Cramer habe aus dem dümpelnden Unternehmen einen Geldautomaten gemacht. Sein Gehalt mit Zulagen und Lizenzeinnahmen macht 5 Prozent der Kapitalisierung von The Street aus. Und das stößt Cannell bitter auf. „Warum musst Du Dir in der schlimmsten Zeit für die TST-Aktionäre über dreieinhalb Millionen im Jahr auszahlen?", schimpft Cannell den TV-Star in einem Brief, den er zusammen mit der jüngsten Quartalsmeldung an die Börsenaufsicht SEC vor wenigen Tagen losschickte. Cramer, so der Aktivist Cannell, genieße über das Geld hinaus bei The Street zahlreiche Annehmlichkeiten, darunter „parfümierte Chauffeure und Assistenten, die ionisiertes Lavendelwasser auf deinen ausgedörrten Schädel sprühen."

Cramer hat auf den Brief von Cannell noch nicht öffentlich geantwortet. Das hat für ihn die Geschäftsführerin Elisabeth DeMarse übernommen. Das Management, so antwortete sie freundlich, diskutiere ständig die Strategie von The Street und heiße Vorschläge von Investoren „stets willkommen".

In dem scharf formulierten Brief kritisiert Cannell, Cramer sei „gleichzeitig ein Angestellter von CNBC sowie ein Direktor, Großaktionär und Angestellter bei The Street". Cannell fordert Cramer ultimativ auf, sich zwischen zwei Möglichkeiten zu entscheiden: Entweder The Street verkaufen oder CNBC verlassen.

„Verlasse CNBC und setze deine beträchtliche Energie und Talente dafür ein, den TST-Aktionären die Rückkehr aus dem Hades zu ermöglichen."

Der Brief von Cannell ist so angriffslustig und wortgewaltig wie sonst die Kanonaden von Cramer: „Verlasse CNBC und setze deine beträchtliche Energie und Talente dafür ein, den TST-Aktionären die Rückkehr aus dem Hades zu ermöglichen." Die Anspielung auf den griechischen Gott der Unterwelt ist wiederum ein Markenzeichen von Cannell. Er würzt seine Attacken auf Firmen, die er sich mit seinem relativ kleinen Hedgefonds – 450 Millionen Anlagevermögen – vorknöpft, gerne mit Vergleichen aus dem Altertum.

Cannell nimmt offenbar nicht nur an der miserablen Kursentwicklung von The Street Anstoß. Ihn dürfte auch ärgern, dass Cramer seine zündende Aktienshow fast vor leeren TV-Rängen abzieht. Laut dem jüngsten Rating von Nielsen Media Research hat CNBC an Börsentagen nur noch 162.000 Zuschauer, so wenige wie zuletzt im zweiten Quartal 1997.

Und Cramer, der sich selbst zur „Stimme des (Aktien)Volkes" ernannt hat, erreicht mit seiner Sendung an manchen Tagen nur noch 2000 Zuschauer unter den 25- bis 54-Jährigen. Im Klartext: Der Stimme des Aktienvolks ist das Volk abhanden gekommen. Das unterstreicht nicht nur die Misere etablierter Medien. Es verdeutlicht zudem, wie schwer es selbst klar formatierte Wirtschaftssender haben, die kleineren Anleger und Investoren hinter dem Ofen hervor zu locken.

Cannell bleibt unterdessen seinem Rezept als Nischenaktivist treu. Er konzentriert sich schon lange auf Firmen, die von wenigen oder gar keinem Analysten beobachtet werden. Und bisher scheint er mit seiner Forderung nach einem Verkauf der The-Street-Anteile Cramers Erfolg zu haben: Die TST-Aktie hat um den Jahreswechsel 2014/2015, seit Bekanntwerden seines Briefes an Cramer, mehr als 7 Prozent zugelegt.