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Vielfach-Chairman „Sir John“ regelt sein Erbe

Sir John Peace ist der personifizierte Bruch der Regeln der Corporate Governance. Bis zu dieser Woche war der Brite Chairman gleich dreier Aktiengesellschaften. Jetzt regelt er sein zweifelhaftes Erbe.

Auf der Insel gibt man einiges auf die britischen Corporate-Governance-Bestimmungen für Transparenz und Fairness. Doch auch dieses Regelwerk hat Schwächen, und die werden derzeit durch einen Menschen offengelegt, ja geradezu verkörpert. Sir John Peace - Johannes der Friedfertige - ist zum Feindbild der aktiven Aktionäre in London aufgestiegen. In Großbritannien nennen sie ihn schon den Serien-Chairman.

Der 65-Jährige war bis Mitte Juli 2014 Chef des Aufsichtsrats in gleich drei britischen Spitzenfirmen, deren Aktien in dem britischen FTSE-100–Aktienindex geführt werden. Allein diese Dreifaltigkeit ist schon ein Verstoß gegen den Corporate Governance Code von 2003, der Managern nahelegt, nicht mehr als einem Aufsichtsrat vorzusitzen.

Zwar hat John Peace den dritten Posten als Chairman beim Datenanalytiker Experian in dieser Woche abgegeben, am 15. Januar 2015. Doch in allen drei Positionen hat er es auf den vergangenen Hauptversammlungen der Unternehmen geschafft, zum Ziel viel beachteter Aktionärsrevolten zu werden: bei Experian, bei der Bank Standard Chartered und beim exklusiven Modehaus Burberry.


Doch Sir John, wie der im Jahr 2011 per Ritterschlag geadelte gerne genannt wird, weiß sich zu wehren: Er ist der Sohn eines Kohleminenarbeiters, von seinem Vater hat er den dicken Kopf geerbt. Seine drei Jahre währende Ausbildung an der Militärakademie Sandhurst, eine der führenden Nachwuchsschmieden des britischen Establishments, hat bei ihm strategisches Denken und Durchsetzungsfähigkeit geschärft. Und als ehemaliger ‚High Sheriff‘ von Nottingham weiß er zudem, wie man Widerstrand bricht und seine Gegner in die Schranken weist.

Seine Karriere machte er im Mischkonzern Great Universal Stores (GUS). Bei GUS half er, jene Kreditagentur aufzubauen, aus der 1980 Experian wurde. Im Jahr 2000 wurde er CEO von GUS. Binnen weniger Jahre baute er den kompletten Konzern um, kaufte und verkaufte insgesamt fünfzig Einheiten. Die Handelskette Burberry, deren Chairman er noch immer ist, spaltete er im Jahr 2002 ab. Experian folgte 2006. So kam es, dass Peace bis zuletzt drei Aufsichtsrats-Chefposten innehatte.

„Der Chairman soll den Vorstand beaufsichtigen, und sich nicht in das operative Tagesgeschäft einmischen.“
Oliver Parry, Corporate-Governance-Beauftragte beim britischen Institute of Directors

In allen drei Firmen gibt es jede Menge Aktionäre, die mit Peace auf Kriegsfuß stehen. Bei Experian sorgte er diese Woche für Aufsehen, weil mit seinem Segen der bisherige CEO, Don Robert, neuer Chairman und damit sein Nachfolger wird. Erneut ein Verstoß gegen den britischen Corporate Governance Code. Aktionäre, die fast ein Drittel der Stimmen repräsentierten, lehnten die Personalie am Mittwoch auf der Hauptversammlung in Dublin ab und reagierten mit Unruhen und Protesten.

„CEOs sollen nicht auf den Stuhl des Aufsichtsratschefs aufrücken“, beschwert sich auch der Corporate-Governance-Beauftragte beim britischen Institute of Directors, Oliver Parry. „Der Chairman soll den Vorstand beaufsichtigen, und sich nicht in das operative Tagesgeschäft einmischen“, sagte er.

Bei Burberry verursachte vor allem das Gehalt des neuen CEO Christopher Bailey für Aktionärsfrust. Bailey, gleichzeitig Chefdesigner der Firma, sollte einen Gehaltscheck über 20 Millionen Pfund erhalten. Dies sorgte bei Burberry für den größten Aktionärseklat britischer Publikumsgesellschaften im laufenden Jahr, als fast 53 Prozent der Aktionäre gegen diese Vergütung stimmten.

Sir John schert das offenbar nicht. Seinen Posten als Chairman bei Experian hätte er eigentlich schon vor fast fünf Jahren räumen sollen, als er Chef des Aufsichtsrates bei Standard Chartered wurde. Und auch bei der Großbank sorgte er für heftige Kontroversen. Bei der jüngsten Hauptversammlung im Mai votierten mehr als 41 Prozent der Aktionäre gegen den Gehaltsbericht des Vorstands. Die Bankvorstände wurden zuvor mit äußerst kritischen Fragen über ihre Bonuspolitik bombardiert. Schließlich hatte ihre Bank 2013 einen Gewinnrückgang erlitten.


Es war nicht der erste Fauxpas, den sich John Peace als Chairman der Standard Chartered erlaubt hat. Vor einem Jahr musste er sich zur Entschuldigung gegenüber den US-Finanzbehörden verbeugen, nachdem er Verstöße gegen Iran-Sanktionen der USA als „klerikalen Fehler“ bezeichnet hatte. Ein solcher Fehler brockte der französischen Megabank BNP Paribas vor wenigen Tagen eine 8,9 Milliarden Dollar teure Strafe ein.

Von Läuterung ist dennoch nichts zu spüren. Sir John hingegen verteidigt seinen umstrittenen Serienvorsitz: „Was meinen zeitlichen Einsatz angeht, werden Sie niemanden finden, der behauptet, ich würde zu wenig tun“, sagt er selbstsicher und ohne einen Anflug von Zweifel. Doch in britischen Zeitungen werden Kritiker zitiert, die sich frustriert über seine Präsenz in den Sitzungen der Aufsichtsräte äußern. „Wir müssen als Land sehr vorsichtig sein“, so Peace, „dass wir nicht in eine Erbsenzählermentalität verfallen.“

Zur Ernennung von Don Robert als neuem Chef des Aufsichtsrats bei Experian, die ebenfalls gegen die Corporate Governance-Richtlinien in London verstößt, sagt Peace lediglich: Die Aktionäre seien im Vorfeld konsultiert worden. „Wir haben wohlwissend, dass dies nicht dem strengen Buchstaben entspricht, alles getan was wir konnten, aber die Best-Practices-Vorschriften besagen, wir müssen unsere Entscheidung erklären, wenn wir die Bestimmungen nicht einhalten. Und genau deshalb sind wir zu den Aktionären marschiert.“