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„ThyssenKrupp muss das Stahlgeschäft in Frage stellen“

Ingo Speich, Portfoliomanager bei Union Investment, spricht mit dem aktionaersforum über den Verkauf der ThyssenKrupp-Anlage in Alabama, den Wandel zum Technologiekonzern und die Zukunft des europäischen Stahlgeschäfts.

Frage: Herr Speich, der Ruhrgebietsriese ThyssenKrupp wankt. Dem Management ist zwar der Verkauf eines Stahl-Verlustbringers in den USA zum 27. Februar 2014 gelungen; die Ankündigung kam pünktlich vor der Hauptversammlung des Unternehmens im Januar 2014. Allerdings erhält ThyssenKrupp für seine Anlage im US-Bundesstaat Alabama umgerechnet gerade einmal 1,1 Milliarden Euro. Hat Konzernchef Heinrich Hiesinger das Werk verschleudert?

Speich: Der Verkauf dieses Werks ist an sich richtig gewesen, zumal er im Zusammenhang mit der anderen Amerika-Problemanlage von ThyssenKrupp in Brasilien zu sehen ist. Denn die verbleibt ja bis auf weiteres im Konzern, kann nun aber jährlich zwei Millionen Tonnen Stahlbrammen an die neuen Besitzer der Alabama-Anlage liefern.

Frage: Aber zu welch einem Preis?

Speich: Der Verkaufserlös, den Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger erzielt hat, ist in der Tat nicht berauschend. Die Summe ist klar vom Zeitdruck und den Restriktionen geprägt, unter denen das Management agieren musste.

Frage: Hätte ThyssenKrupp andernfalls mehr für das funktionstüchtige Stahlwerk in Alabama erlösen können?

Speich: Ja, vielleicht. Definitiv auf den Preis gedrückt hat aber die Verpflichtung der Käufer des Alabama-Werks um ArcelorMittal, ThyssenKrupp bis zum Jahr 2019 die Brammen aus Brasilien abnehmen zu müssen.

Frage: Hat ThyssenKrupp dann das falsche Asset verkauft? Anstelle des brasilianischen Problemwerks aus chinesischer Fertigung ist das funktionierende in den USA über den Tisch gegangen.

Speich: Als Koppelgeschäft ist der Verkauf wahrscheinlich die wirtschaftlich sinnvollste, weil einzig mögliche Lösung gewesen - jedenfalls unter dem Zeitdruck, unter dem Hiesigers Team agieren musste.

Frage: Welches Signal geht denn von dem Verkauf für das europäische Stahlgeschäft von ThyssenKrupp aus, nicht zuletzt für die traditionsreichen Standorte in Deutschland mit Tausenden Beschäftigten?

Speich: Ich denke, dass sich ThyssenKrupp trotz aller Tradition fragen muss, ob das Stahlgeschäft in Europa langfristig zum Konzern gehören soll.

Frage: Was Sie da sagen würde wohl gewaltige Proteste der Stahlarbeiter nach sich ziehen. Die von Tausenden besetzte Autobahnbrücke über den Rhein in Duisburg-Stahlhausen bei der Großauseinandersetzung im Jahr 1987 hat sich in die Erinnerung eingebrannt.

© ThyssenKrupp AG

Speich: Wir fordern von ThyssenKrupp auch nicht, sich unbedingt von Steel Europe zu trennen. Wohl aber registrieren wir, dass mit der Sparte offenbar kaum Geld zu verdienen ist, zumal der Preisdruck der russischen Konkurrenz anhält. Und wenn sich ThyssenKrupp, wie angekündigt, zu einem Technologiekonzern entwickeln will, wird sich Konzernchef Hiesinger wohl oder übel darüber Gedanken machen müssen, ob das europäische und somit auch das traditionsreiche deutsche Stahlgeschäft bei ThyssenKrupp bleiben soll.

Frage: Zunächst hat ThyssenKrupp einen schon einmal verkauften Teil des europäischen Geschäfts zurückbekommen, ist von einem Ausstieg aus der Sparte also weiter entfernt als noch ein paar Monate zuvor.

Speich: Ja, ThyssenKrupp ist plötzlich mit dem italienischen Edelstahlhersteller Terni und dem deutschen Werkstoffhändler VDM wieder Anbieter im Edelstahlsegment, das Hiesinger eigentlich schon losgeschlagen hatte. Das ist ein bitterer Rückschlag.

Frage: Beide Firmen gehörten zum ehemaligen Nirosta-Imperium von ThyssenKrupp, das der Konzern an Outokumpu verkauft hatte. Doch die Finnen sind selbst extrem ins Trudeln geraten. Drohen ThyssenKrupp jetzt weitere Rückkäufe von Outokumpu, für die der Konzern eigentlich kein Geld hat?

Speich: Outokumpu scheint weniger finanzstark als gedacht. Ob ThyssenKrupp deshalb tatsächlich noch mehr zurückkaufen muss als Terni und VDM, kann man aktuell nicht sagen. Falls ja, wäre das ein Debakel.

Frage: Die knappe Kassenlage von ThyssenKrupp macht den Konzern verwundbar. Jetzt ist auch noch sein Bollwerk, die Krupp-Stiftung, geschleift worden; sie hat ihre Sperrminorität an dem Konzern nach der jüngsten Kapitalerhöhung verloren - und mit Cevian ist schon ein streitbarer Großaktionär an Bord. Droht bald das Ende von ThyssenKrupp?

Speich: Wenn der Einstieg von Cevian hilft, ThyssenKrupp schneller auf den Weg zu einem Technologiekonzern zu bringen, kann das im Gegenteil den Bestand von ThyssenKrupp sichern.

Frage: Cevian hat sich bisher in Deutschland keinen Namen als Bewahrer gemacht. Nach dem Eintritt bei der Düsseldorfer Demag Cranes beispielsweise haben die Schweden den damaligen MDax-Konzern aus dem Demag-Aufsichtsrat heraus zum Verkauf vorbereitet. Heute gehört Demag Cranes dem US-Konzern Terex.

Speich: Cevian ist bestimmt ein aktiver Investor, der Werte heben will. Ich halte die Schweden aber für keine Heuschrecke, die ThyssenKrupp komplett zerlegen will.

Frage: Wie sollen sonst Werte gehoben werden? Alle ThyssenKrupp-Sparten alleine gerechnet sollen nach Expertenschätzung etwa 19 Milliarden Euro wert sein. Der Börsenwert von ThyssenKrupp liegt aber derzeit nur bei rund zwölf Milliarden Euro. Das riecht doch nach Zerschlagung.

Speich: Ich halte das für unwahrscheinlich. Es gibt bessere Mittel und Wege, um Werte zu heben. Dabei denke ich an den langfristigen Transformationsprozess, den das Management anstrebt.

Frage: Im Aufsichtsrat hat die Krupp-Stiftung, die ja das industrielle Erbe von ThyssenKrupp bewahren soll, aktuell und trotz der nicht mitgetragenen Kapitalerhöhung des Konzerns, noch drei Sitze. Und die wollen die Aufsichtsratsmitglieder offenbar auch nicht aufgeben, wie es den neuen Kapitalverhältnissen eigentlich entspräche, sondern für die Dauer ihrer Amtszeit auch weiter wahrnehmen. Wird Cevian den Kruppianern also bereits unheimlich?

Speich: Das Beharren auf den drei Sitzen ist in der Tat erstaunlich. Die neuen Kapitalverhältnisse geben das nicht her.

Frage: Glauben Sie, dass ThyssenKrupp mit der bereits vollzogenen Kapitalerhöhung auskommen wird oder droht der Krupp-Stiftung bei einer wohl dann ebenfalls nicht von ihr zu finanzierenden möglichen zusätzlichen Kapitalerhöhung weiterer Machtverlust?

Speich: Eine weitere Kapitalerhöhung ist prinzipiell nicht auszuschließen. Um ihre Macht zu bewahren, müsste die Stiftung dann wohl mitziehen.

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