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„Deutsche Bank ist ein Sanierungsfall“

Streit im Aufsichtsrat, Ermittlungsverfahren und Null Dividende: Der Zorn der Anleger hat sich auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank entladen. Das bekam Aufsichtsratschef Paul Achleitner zu spüren.

Das waren klare Worte: „Nach einer Dekade des Missmanagements ist die Deutsche Bank heute ein Sanierungsfall“, sagte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment, einem der größten Anteilseigner des Instituts, zum Zustand der Deutschen Bank auf der Hauptversammlung des Geldhauses am 19. Mai in Frankfurt am Main.

Er stand damit nicht allein, im Gegenteil: Anleger gingen mit der Führungsriege der Bank teils hart ins Gericht – und zeigten das auch mit ihren Abstimmungen.

© Deutsche Bank

Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Paul Achleitner beispielsweise erhielt deutlich weniger Unterstützung für seinen Kurs als noch im vergangenen Jahr: Die Deutsche-Bank-Aktionäre stimmten seiner Entlastung als Aufsichtsratschef des Geldhauses mit knapp 87 Prozent zu. Auf der Hauptversammlung 2015 hatte Achleitner noch die Stimmen von 91 Prozent des versammelten Kapitals für sich gewonnen.

Achleitner zeigte sich dennoch kämpferisch: Er kündigte an, im Jahr 2017 eine weitere Amtszeit als Chefkontrolleur des bedeutendsten hiesigen Geldhauses anzustreben. Dafür erntete er eisiges Schweigen bei den Anteilseignern der Deutschen Bank, die in der Festhalle der Frankfurter Messe zum Aktionärstreff gekommen waren.

Kein Wunder, viele Investoren liegt der Verlust der Deutschen Bank im Geschäftsjahr 2015 noch schwer im Magen. Denn das Kreditinstitut war mit 6,7 Milliarden Euro in die Miesen gerutscht – so tief wie nie zuvor in der Geschichte der Deutschen Bank. Zudem war es der zweite Verlust seit dem Jahr 2008, und das in einer Zeit, in der etwa die US-Konkurrenz des deutschen Geldhauses weit besser zurechtgekommt.

Dass sich der Aktienkurs der Deutschen Bank zuletzt entsprechend schwach entwickelte, hat die Aktionäre der Gesellschaft ebenso getroffen. Auf Jahressicht büßten die Titel 49,1 Prozent ihres vorherigen Wertes ein, in der Fünfjahresperiode waren es sogar 63,1 Prozent. Entsprechend fiel das Fazit des Union-Investment-Managers aus: „Die Reputation hat gelitten, das Vertrauen am Kapitalmarkt ist erschüttert, der Aktienkurs ist ein Desaster", sagte Ingo Speich.


Auf bittere Kritik stieß zudem jene Schlammschlacht im Aufsichtsrat der Deutschen Bank, die in den Wochen zuvor die Schlagzeilen in den Wirtschaftszeitungen beherrscht hatte: In Zeitungsinterviews hatten sich die Kontrolleure der Bank öffentlich beharkt.

Aufsichtsrat Georg Thoma verlässt das Kontrollgremium des Geldhauses deshalb zum 28. Mai 2016. Der Rechtsanwalt aus Neuss bei Düsseldorf leitete den Integritätsausschuss der Deutschen Bank, war somit für die Aufarbeitung vieler Rechtsskandale des Kreditinstituts verantwortlich – und seinen eigenen Mitaufsichtsräten dabei offenbar zu gründlich vorgegangen.

„Dass solche Dinge auf dem offenen Marktplatz ausgetragen werden, zeigt, wie tief wir in diesem ehrenwerten Haus mittlerweile gesunken sind“, sagte Klaus Nieding, der Vize-Präsident der Aktionärsvereinigung DSW auf dem Aktionärstreffen. Nach Angaben der Deutschen Bank ist das Geldhaus zum Ende des ersten Quartals 2016 in rund 7800 Rechtsstreitigkeiten verwickelt gewesen.

Nicht zuletzt das war einer der Gründe, warum der neue Deutsche-Bank-Chef John Cryan im Oktober 2015 nahezu den gesamten Vorstand der Bank ausgetauscht hatte. „Wir begrüßen den Neuanfang ausdrücklich“, sagte Fondsmanager Andreas Thomae von der Dekabank auf dem Aktionärstreffen. Cryan entgegnete indirekt: „Wir, dieses Team hier vorne, werden mit Rückendeckung des Aufsichtsrats die Deutsche Bank wieder auf die Wachstumsstraße bringen.“

© Deutsche Bank

Zupass kommen dürfte dem Bankchef bei der angestrebten Ertragswende auch die jüngsten Pläne der amerikanischen Notenbank Fed. Deren geldpolitischer Ausschuss überraschte in dieser Woche mit einem Protokoll, das Anleger im Allgemeinen zwar verunsichert, Bank-Aktionäre im Besonderen aber erfreut.

Demnach ist in den USA schon im Juni eine Zinserhöhung möglich, sollte sich die amerikanische Wirtschaft günstig entwickeln. Im Protokoll der Mai-Sitzung der Fed wurde als wichtigstes Argument gegen eine Zinsanhebung in der vergangenen April-Sitzung die Unsicherheit genannt, ob sich die US-Konjunktur im zweiten Quartal wie erwartet erholen werde. Diese Unsicherheit ist jedoch inzwischen gewichen, die Erholung zeichnet sich ab. Dem Protokoll zufolge gilt daher die Juni-Sitzung des Gremiums als „wahrscheinlich angemessener“ Termin für eine Zinserhöhung.

Für die strafzinsgeplagten Banken wäre ein solcher Schritt der Fed eine gute Nachricht. Trotz eines trüben Börsenumfelds stiegen am Mittwoch, also am Tag vor der Hauptversammlung der Deutschen Bank, entsprechend die Bewertung amerikanischer Bankaktien wie Goldman Sachs und JM Morgan. Auch die Papiere der deutschen Kreditinstitute wie der Deutschen Bank und der Commerzbank profitierten.

Schließlich würden höhere Zinsen vielen Kreditinstituten zugute kommen, da sie bereits seit langem unter der expansiven Geldpolitik der Zentralbanken leiden. Falls nun die tonangebende Fed tatsächlich eine noch schärfere Gangart einschlagen sollte, könnte sich dies auch im Zinsergebnis der Deutschen Bank positiv niederschlagen - und so zumindest den Weg auf die Wachstumsstraße weisen.

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