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„Der Weg nach Venedig führt über Amsterdam“

Im Porsche-Prozess hat der zweite Verhandlungstag durch die Schilderungen des leitenden Polizeiermittlers für kuriose Einsichten gesorgt – und mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.

​„Der Weg nach Venedig führt über Amsterdam“, erfuhren Beobachter und Beteiligte am zweiten Verhandlungstag im Stuttgarter Porsche-Prozess. Venedig, damit sei in Porsche-internen Protokollen Volkswagen bezeichnet worden, Amsterdam hätte für Audi gestanden, sagte der für diesen Tag als Zeuge geladene Siegfried N., Leiter des Polizeiteams, das im Nachgang der versuchten Übernahme Volkswagens gegen die Porsche SE und die ehemaligen Führungskräfte Wendelin Wiedeking und Holger Härter ermittelt hat.

An Phantasie mangelte es den Beteiligten offenbar nicht. Sich selbst bezeichnete Porsche demnach wahlweise als Paris oder Paulaner, das Land Niedersachsen habe sich unter dem Codenamen Norwegen in den Dokumenten wiedergefunden, das gesamte Übernahmeprojekt habe unter dem Titel Deutschland gestanden, die Finanzierungspläne seien als Projekt Bavaria bezeichnet worden.

Die Beteiligten selbst hätten indes Buchstabenkürzel erhalten, abgeleitet vom F für den für Finanzen zuständigen angeklagten Ex-Porschevorstand Holger Härter und dem G für den mitangeklagten ehemaligen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking.

© af / K. Klooß

Die Vernehmung des Stuttgarter Ersten Gewerbehauptkommissars zog sich bis in den Nachmitttag des 29. Oktober 2015. Das lag vor allem daran, dass die Verteidiger Wiedekings, Härters und der Porsche SE den Zeugen wiederholt mit Fragen löcherten.

So wollten die Verteidiger immer wieder wissen, warum denn nicht auch andere Vorstände neben Wendelin Wiedeking und Holger Härter oder Aufsichtsräte wie Ferdinand Piëch vom Ermittlungsteam verhört worden seien. Schon der Staatsanwaltschaft hatten die Verteidiger am ersten Verhandlungstag vorgeworfen, möglicherweise wichtige Zeugen gar nicht befragt zu haben.

Der Zeuge beantwortete die Fragen geduldig. Die Entscheidung, Ferdinand Piëch nicht zu vernehmen, sei gefallen, weil wir uns da „nicht viel Durchschlagendes“ von erwartet hatten. Die Befragung der anderen Porsche-Vorstände habe sich aufgrund der strukturellen Veränderung des Konzerns im Jahre 2007 erübrigt, da „Wendelin Wiedeking und Holger Härter ja bei der Porsche SE die einzigen Vorstände waren“.

Vorher seien Vorstandsentscheidungen überdies stets einstimmig getroffen worden, ohne dass es gemäß der Sitzungsprotokolle kritische Nachfragen gegeben hätte.

Des Weiteren wurden die Verteidiger nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Hedgefonds hinter Zivilklagen gegen die Porsche AG stünden. Der Versuch, dem Zeugen zu entlocken, ob er von möglichen Treffen der Staatsanwaltschaft mit Anlegervertretern gewusst habe, versandete allerdings.

„Es war nicht unsere Aufgabe, sich mit irgendwelchen Hedgefonds zu befassen“, sagte Siegfried N. Auf erneute Nachfrage, ob er wisse, ob seine Mitarbeiterin etwas darüber wüsste, stellte der Zeuge die Gegenfrage: „Sie wollen von mir wissen, ob ich weiß, was Frau S. weiß?“ Dies führte zumindest bei den Prozessbeobachtern zu guter Laune und hatte keine weiteren Nachfragen zur Folge.


Die Komplexität des Falls wurde im Laufe der Befragung immer wieder deutlich. So unter anderem, als der Zeuge zu verstehen gab, dass die „Gesamtschau“ frühzeitige Pläne der Porsche-Führung, eine Beherrschung Volkswagens anzustreben, lange vor dem Oktober 2008 nahelege.

© istock / Sean Gallup

Dies, so Siegfried N., würde sich aus den Vernehmungen - unter anderem von Wolfgang Porsche und dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff (CDU) - und Dokumenten ergeben, die seit August 2009 unter anderem bei Durchsuchungen der Wohnungen Wiedekings und Härters, der Maple Bank in Frankfurt/Main und der Porsche SE in Stuttgart sichergestellt wurden.

Auf Nachfrage sowohl der Verteidigung als auch des Gerichts, ob es Fakten gebe, die diese Vermutung bewiesen, räumte er allerdings ein: „Wir haben da jetzt nicht den rauchenden Colt gefunden.“ Dennoch kreiselte die Vernehmung immer wieder um diese Gesamtschau des Zeugen, der schließlich vom Richter noch einmal aufgefordert wurde, seine Herleitung dieser Schlussfolgerung anhand von hinführenden Fakten zu beschreiben.

Die wesentlichen Punkte in den Erläuterungen des Zeugen waren dabei die bereits 2005 von den Anteilseignern erteilte Zustimmung zu den Plänen von Wiedeking und Härter, eine Beherrschungsmehrheit an Volkswagen zur erwerben.

Darüber hinaus ging Siegfried N. auf die Bemühungen Porsches ein, die Sperrminorität des Landes Niedersachsen zu Fall zu bringen, wobei Wiedeking sogar ein Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel gesucht habe. „Das zeigt, wie wichtig es Porsche war, eine Beherrschung anzustreben.“

Hinzu seien die Optionsstrategien Holger Härters gekommen, mit denen Porsche nicht ohne Grund ein wirtschaftliches Risiko eingegangen sei. Nicht zuletzt habe Härter lange vor September 2008 mit Banken über Kredite verhandelt, die eine Finanzierung der Anteilsaufstockung auf 75 Prozent ermöglicht hätten.

Gegenüber Banken hätte sich der ehemalige Porsche-Finanzvorstand so geäußert, dass Porsche einen Beherrschungsvertrag wolle und dafür zwanzig Milliarden Euro benötige.


Zur Klärung der Gemengelage sind wohl noch weitere Prozesstage nötig. Das wurde insbesondere bei der Erörterung der Rahmenbedingungen der umstrittenen Pressemeldung vom 26. Oktober 2008 deutlich. Darin hatte Porsche öffentlich gemacht, einen Anteil von mehr als 75 Prozent an Volkswagen anzustreben – und diesen praktisch schon zu kontrollieren.

© fotolia / sborisov

Denn bereits einen Monat zuvor, im September 2008, war dem Zeugen Siegried N. zufolge deutlich geworden, dass die Banken nicht bereit waren, einen solchen Vorstoß durch neue Kredite zu finanzieren. Und ebenfalls im September 2008 sei klar geworden, dass die Sperrminorität des Landes Niedersachsen erhalten bliebe – eine Beherrschung Volkswagens machte vor diesem Hintergrund kaum Sinn für Porsche.

Ob, wie von der Staatsanwaltschaft behauptet und von der Verteidigung bestritten, Liquiditätsmotive den Ausschlag für die Pressemitteilung vom 26. Oktober 2008 gegeben haben, ist einer jener Aspekte, der ebenso entscheidend wie bisher ungeklärt ist. Ebenso die auch an diesem Verhandlungstag immer wieder aufgeworfene Frage, ob sich eine Kursentwicklung vorhersagen oder erahnen lässt.

Am Freitag, den 30. Oktober 2015, wird sich dazu die vor allem mit den Optionsstrategien Porsches befasste Ermittlerkollegin des Zeugen Siegfried N. äußern.

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